Das Märchen vom klugen Hühnchen

Es war einmal eine arme Frau, die hatte viele Kinder. Sie arbeitete schwer von früh bis spät, um ihre Kinder und sich selbst zu ernähren, zu kleiden, zu lehren…

Es war ein entbehrungsreiches Leben, und glücklich war die arme Frau nicht. Eines Tages, als sie an ihrem Brunnen grub, denn der war versiegt, flatterte ein buntes Hühnchen in ihren Hof. Dieses Hühnchen sah der Frau eine Weile beim Arbeiten zu. Dann flatterte es an den Brunnenrand und sprach zu der Frau: „Wenn du mir glauben willst, so werde ich dir zeigen, wo du den Brunnen besser graben sollst. Denn diese Wasserader hier ist verdorrt, und du wirst viele Tage graben und doch kein Wasser finden. Wenn du aber graben willst, wo ich es dir zeige, so wirst du frisches Wasser finden für deine Kinder und dich selbst – und auch für mich.“

Die arme Frau, die schon sehr lange gegraben hatte und matt geworden war, glaubte dem Huhn. Und so grub sie an einer anderen Stelle, und es gab frisches Wasser für alle. Das war ein Freudentag, und das Huhn sprach: „Wenn du mir glauben willst, so werde ich dir noch oft helfen können. Ich bitte für mich nur um ein sicheres Plätzchen, um einige Körnchen und um die Erlaubnis, auf dem ganzen Hofe scharren zu dürfen, und niemand soll mich verjagen oder mir Leid antun.“

Die Frau und auch ihre Kinder willigten ein. So kam es, daß durch des klugen Huhnes gute Ratschläge die Wirtschaft gedieh, und die Kinder der Frau wurden fröhlich. Die Vorratskammern waren immer gefüllt, und der harte Blick der Frau wurde weich, und ihr Haar wuchs lang und wundervoll und prächtig.

Und so kam es, daß die Kunde sich herumsprach unter den Menschen, wie gut es der Frau und ihren Kindern ginge, und wie fröhlich sie miteinander lebten. Eines Tages hörte dies ein Witwer, der einen wohlbestellten Hof sein eigen nannte, Knechte und Mägde für sich arbeiten ließ und die Scheuern voll hatte und den Stall voller Vieh. Der sagte sich, „diese Frau muß ich mir ansehen gehen!“

Und so geschah es. Er reiste zu dem Hof der Frau und fand alles so wohlbestellt, wie die Leute ihm erzählt hatten. Es gefielen ihm die gutgewachsenen und wohlgeratenen Kinder, und er hatte selber keine. Und die Frau mit ihrem weichen Blick und ihrem wundervollen Haar gefiel ihm noch viel besser, und so freite er um sie.

Die Frau war beglückt. Sie ließ den Bewerber in ihren Hof und legte ihm vor, wonach ihm das Herz begehrte. Das Hühnchen aber sprach heimlich zu der Frau: „Paß auf, daß auch er in die Abmachung einwilligt, sonst bin ich meines Lebens nicht sicher.“ Die Frau aber bekam dunkle Augen und scheuchte das Huhn beiseite. Denn sie dachte, „wenn ich einen guten Mann für mich und meine Kinder bekommen kann, der mehr zu bieten hat als mein eigener Hof hergibt, was soll ich weiter ein kleines zerzaustes Hühnchen schonen, wo ich doch den ganzen Hof voll der stolzesten Hähne haben kann!“

Und so kam es, daß das kluge Hühnchen um sein Leben fürchtete. Und es dachte sich, „lieber ziehe ich wieder fort als in den Topf zu kommen, in dem die Suppe köchelt.“ Und so mußte es wieder auf Wanderschaft gehen.

Die Frau aber heiratete und führte eine reiche, große Wirtschaft mit vielen Knechten und Mägden, und sie lebte mit ihren Kindern und ihrem Mann in Freude und Zufriedenheit. Doch die Zeit ging ins Land, und ihre Kinder wurden groß und zogen fort. Und sie lebte weiter mit ihrem Mann in Glück und Zweisamkeit. Nur ihr Haar wurde stumpf und struppig.

Da sprach eines Tages der Mann: „Frau, was hast du für ein struppiges Haar bekommen! Ein Weib mit so struppigem Haar will ich nicht länger haben!“, und er verstieß sie.

Und so mußte sie fortziehen. Zu ihren Kindern konnte sie nicht gehen, denn die hatten nur das Nötigste zum Leben. Ihr Mann hatte ihren stolzen kleinen Hof behalten, und so wanderte sie fort, und hatte nicht  einmal ein kleines kluges Hühnchen als Freund. Denn die Freundschaft hatte sie nicht geschätzt, als ihr Glück am größen war. Und so hatte sie keinen Freund, als ihre Not am stärksten wurde.

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1 Response to “Das Märchen vom klugen Hühnchen”


  1. 1 Viorica Balogh 16. November 2011 um 3:58 PM

    Schön!Ich bin begeistert und fasziniert ! Vielen Dank.;-)


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