Archiv für September 2008

Der Teppichhändler und seine kluge Frau

Es war vor so langer Zeit, daß nur die Berge sich daran erinnern können – und auch die Berge können Dinge  vergessen…

Der König aller Dschinns rief seine Untertanen zu sich in die verborgene, tief im Fels liegende Festung. Alle Dschinns sollten die Menschen plagen. Denn es war ihm ein Greuel, wie sich die Menschen benahmen und miteinander lebten. Sie waren fröhlich bei der Arbeit, fröhlich beim Feiern und fröhlich im Umgang miteinander. Die Alten waren freundlich und geduldig zu den Jungen, und die Jungen waren respektvoll und geduldig zu den Alten. Die Männer waren liebevoll zu ihren Kindern und ihren Frauen, und die Frauen waren wie die Morgensonne, die sanft und hell, warm und erheiternd über alles strahlt. 

Denn nur die Morgensonne ist so freundlich, am Mittag hingegen konnte die Sonne mörderisch sein, und so manches vorwitzige Tier, das sich dann nicht nach Hause und in den Schatten fand, lernte den Durst zu schmecken, der den Körper dürr macht und das Leben vergehen läßt mit jedem glühenden Atemzug.

Ein junger Teppichhändler lebte zu dieser Zeit mit seiner jungen Frau, und sein Handel war wohl nicht der Größte, aber er bot ein Auskommen. Und seine Frau war eine Zierde für das Haus, denn sie kümmerte sich nicht nur um den kleinen Garten und das Haus selbst, sondern sie war außergewöhnlich. Das kam, weil ihre Urgroßmutter mit einem der kleinen Luftgeister verwandt gewesen war. Das aber war ein Familiengeheimnis. Und doch waren es ihre zauberhafte Leichtigkeit und ihr Anmut im Umgang mit den Worten gewesen, welche ihr Mann bewundernswürdig fesselnd fand, so daß er sich in sie verliebte.

Ein Dschinn nun erkor sich das Haus des Teppichhändlers zum Ziel und wollte für Zerstörung und Verderben sorgen. Es war kein kleiner Dschinn. Dieser Dschinn wußte, wie man Unfrieden und Zweifel sät und Haß und Zerstörung erntet.

Als erstes versuchte er es als Insekt. Er schwirrte in das Haus hinein und fand den Milchkrug. Er wollte die Milch beschmutzen und den Menschen verleiden. Doch die kluge Frau hatte ein sauberes Tuch über den Milchkrug gedeckt. Da dachte sich der Dschinn, daß er die Menschen im Schlaf peinigen könnte. Doch auch das Bett war mit einem Tuch, leichter noch als Morgennebel, geschützt. Mit einem zornigen Summen stürzte sich der Dschinn wieder und wieder auf die Barriere, und konnte doch nichts erreichen. Müde und schlecht gelaunt mußte er sich zur Ruhe begeben, um Kraft für den neuen Tag zu schöpfen.

Es hatte der Teppichhändler aber eine Schwester, die hatte ihn von Kind an aufgezogen. Sie hatte ihn ernährt und gekleidet, als er noch Kind war, und sie kam ihn häufig besuchen. 

Der Dschinn erwachte am nächsten Morgen schlecht gelaunt und verwandelte sich in eine Maus. Er wollte als Maus die Vorräte angreifen, doch als er sich in die Vorratsecke geschlichen hatte, mußte er sehen, daß alles Korn und Getreide in Krügen verwahrt wurde, und diese waren mit festen Stopfen versehen. So sehr er sich auch abmühte, er konnte sie nicht öffnen. Er wollte sie umwerfen, doch dazu reichten die Kräfte nicht. Und so mußte er sich am Abend wieder unverrichteter Dinge zur Ruhe begeben, um neue Kräfte zu schöpfen. Doch um der Frau zu zeigen, daß sie sich ängstigen soll, legte er ihr einige Exkremente ins Haus vor die Schwelle. Doch die Frau ließ sich nicht schrecken und fegte den ganzen Dreck einfach vor die Tür.

Am nächsten Tag dachte er sich, daß er es anders anfangen müßte. Er würde die Frau dazu bringen, ihn selbst ins Haus zu bitten, und fortan würde er im Haus seine Werke vollbringen. So verwandelte er sich in eine Katze. Die Frau aber hatte scharfe Augen und sprach, als der Dschinn sich auf ihre Schwelle niederlegte: „Nein, lieber Freund, hier ist kein Platz für dich, denn du bist ein wohlgenährter Kater. Du bist kein Mäusefänger, du gehörst in einen reichen Haushalt, und ich werde dich zum Reichsten hier im Dorfe bringen. Dort wirst du es gut haben, hier aber müßtest du für dein Essen viel arbeiten, und das würde dir wohl nicht gefallen.“ Und sie brachte den Dschinn zum Haus des Reichen, und es waren alle dort von diesem schönen Kater entzückt.

In dem Dschinn aber wuchs der Zorn, denn er hatte nichts erreicht. Die Frauen im Haus des Reichen aber ließen ihm keine Ruhe, so daß er den ganzen Tag mit ihnen spielen mußte, und sie lachten dazu und klatschten in ihre Hände.

Am Abend sank er gänzlich erschöpft und mutlos auf seine Seidenkissen, denn es sollte ihm im Hause des Reichen wirklich an nichts fehlen. Am nächsten Morgen noch vor dem Sonnenaufgang wollte er sich in einen Käfer verwandeln, um zurück zum Haus des Teppichhändlers zu laufen. Doch die Frauen des Reichen weckten ihn und wollten weiter mit dem Kater spielen. Sie verwöhnten ihn mit Leckerbissen und süßem Scherbet, so daß er ganz zahm wurde und seine Ziele vergaß. Er lebte tagein, tagaus mit den Freuden des Reichtums und wurde immer dicker.

Der König aller Dschinns jedoch verlangte, daß seine Wünsche erfüllt würden, und er sandte dem faul gewordenen Dschinn einen Quälgeist. Der Quälgeist würde dem faulen Kater zusetzen, damit er seine Pflichten nicht vergäße.

Der Quälgeist kam als Floh und setzte sich dem Kater in den Pelz. Er biß und kratzte den ungetreuen Dschinn, bis dieser heulend und kreischend aus dem Haus rannte. Und auch auf der Straße ließ der Floh nicht von ihm ab, so sehr sich der Kater auch im Staub wälzte und jammerte.

Um dem Quälgeist endlich zu entgehen, verwandelte er sich in eine kleine Wanze. Weil er aber so viele süße Dinge gegessen hatte im Haus der Reichen, war er eine süß duftende kleine Wanze. Und als er so lief, kam die Schwester des Teppichhändlers des Wegs. Flugs krabbelte er an ihr empor und versteckte sich an ihrem Nacken, hinter ihren vielen kleinen Zöpfen. Die Schwester wollte zu ihrem Bruder, dem Teppichhändler gehen. 

Gemeinsam saßen sie am Tisch, um das Abendessen zu nehmen. „Du riechst heute besonders gut, liebe Schwester,“ sagte der Teppichhändler. Seine Frau aber schnupperte mißtrauisch, doch sie sagte nichts. „Ich möchte mir noch etwas aus dem Milchkrug nehmen,“ sagte die Schwester und hob das Tuch vom Milchkrug. Der Dschinn krabbelte etwas hinter ihrem Ohr hervor und nieste in den Krug, so daß die Milch schnell verderben würde.

Dann seufzte die Schwester, daß sie müde sei. „Ja, liebe Schwester, geh nur zu unserem Bett und ruhe dich dort ein wenig aus,“ sagte der Teppichhändler freundlich. Sie tat es gleich, legte sich unter das Tuch und breitete die Decken über sich aus. Da kam der Dschinn schnell hervor und legte in das Bettzeug viele, viele kleine Wanzeneier, um eine Plage über die Menschen zu bringen, die dort nachts schlafen wollten. Denn wenn die kleinen Wanzen schlüpfen, dann sind sie durstig, und sie trinken nur frisches Blut. Die Menschen aber werden sich kratzen müssen, weil die Wanzenbisse schrecklich jucken und krabbeln und die Menschen peinigen.

Die kluge Frau aber hatte nun nach dem Milchkrug gesehen und entdeckt, daß die Milch geronnen war. Schnell heizte sie den Backofen an und nahm Mehl. Und aus der gesäuerten Milch stellte sie einen besonders lockeren Brotteig her, der im Ofen backen sollte.

Als nun die Schwester ausgeruht vom Bett zurückkam, ging die kluge Frau hinzu und nahm die ganzen Bettücher, die Matratzen und alle Kissen vom Bett und ging hinter das Haus, um sie kräftig auszuklopfen. Dem Mann war das gar nicht recht, und er schalt seine Frau, „wenn meine Schwester in meinem Bett schläft, so mußt du doch nicht das ganze Bett auseinanderreißen, als ob sie einen bösen Geist mitgebracht hätte!“, und seine Schwester nickte beifällig dazu.

Das wollte sich der Dschinn nicht entgehen lassen, und er lugte hinter dem Ohr der Schwester hervor. Da erspähte ihn die Frau, deren Urgroßmutter mit einem Luftgeist verwandt gewesen war, so daß sie vielerlei Taltente besaß, über die man nicht laut reden muß. „Anpacken muß man,“ sagte sie laut und griff hinter das Ohr der Schwester, packte zu, und hatte den Dschinn in der Hand.

„Nein, du böser Geist, dies hier ist dein Haus nicht, es ist mein Haus. Wer in mein Haus kommt, der zeigt Höflichkeit und Respekt und verdirbt nicht die Milch und steckt keine Wanzen in mein Bett. Mach, daß du fortkommst, böser Geist, und laß dich hier nicht wieder sehen!“ So spach sie und warf den Dschinn vor die Tür, kehrte mit dem Besen noch etwas nach und klatschte in die Hände.

„Und nun kommt, ihr zwei, wir können heute noch einen fröhlichen Abend miteinander haben,“ so rief sie fröhlich zu ihrem Mann und seiner Schwester. Auch das Brot im Ofen war nun gar. Und das Bett füllten sie auch wieder mit den sauberen Matratzen, Tüchern und Kissen. Der Teppichhändler freute sich über seine kluge Frau. „Wohl gesprochen, meine liebe Frau!“ sagte er glücklich.

Ob sich der König aller Dschinns freuen konnte, das ist nicht überliefert.

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Das mythische Tier – eine Novelle

Es sah wunderschön aus.

Es stand auf der Lichtung, und sein weißes Fell leuchtete fast schmerzhaft in den Augen. Sein Horn trug es stolz, nun – es war ein Einhorn. Es war das mythische Tier, das man braucht, um das böse Tier zu bezwingen. Auch das böse Tier war ein Mythos, aber es sollte zu Macht und Reichtum verhelfen. Ich konnte beides gut gebrauchen. Ich hatte nirgends Erfolge vorzuweisen. Meine Familie erwartete keine Erfolge mehr, und meine Kinder waren selbständig und standen auf eigenen Füßen. Und ich? Ich wollte den Erfolg nun doch endlich fest bei den Hörnern packen. Und dafür mußten wir erst einmal Freunde werden, das Einhorn und ich.

*

Ich sah sie schon von weitem kommen. Eine schöne Frau, kein Mädchen mehr. Kein Püppchen, das hätte nicht hierher gefunden. Eine schöne freie Frau, die ihren Wert kennt. Stolz und unbeirrbar, und zielstrebig, das konnte ich sehen.

Sie kam auf mich zu und machte die magischen Rituale. Schon seit langem kamen keine Menschen mehr. Dabei sollen genügend vorhanden sein, behaupten zumindest meine Kollegen. Denn ich bin nicht das einzige Einhorn auf der Welt. Es gibt uns noch.

Sie machte mich neugierig.

Ich umging ein wenig die normalen Vorschriften und trat näher. Sie roch gut, ich merkte es sofort. Nein, nein, nicht daß man etwas falsches denkt. Ich habe kein solches Interesse an Menschenfrauen. Ich bin selbst ein weibliches Wesen. Daher verstehe ich ein wenig vom Weiblichen, obwohl ich zugebenermaßen kein Mensch bin.

Sie mußte ein großzügiges Herz haben und einen klaren Geist, sonst hätte sie mich nicht sehen können. Menschen sind auch an mir vorbei gegangen und haben mich nicht erkannt. Es ist nicht jedem gegeben.

**

Ich hatte keine Eile. Ich wollte mich zuerst hier mit diesem sagenhaften Einhorn anfreunden, ehe ich es mit zur Stadt nahm. Hier konnte ich es in aller Ruhe beobachten. Tiere sind gar nicht schwer zu durchschauen, und meist kann man sie mit etwas Eßbarem locken. Ich hatte verschiedene Sachen vorbereitet; Möhren geschnitten und Birnen gestückelt, ein wenig Hundekuchen für den Fall der Fälle und meine Plätzchen. Daß ich meine Plätzchen nicht selbst backe, spielt hier keine Rolle. Meine Tochter macht das, und sie macht das gut. Ich brauche mich da nicht einzumischen.

*

Wie es aussieht, will diese Frau erst einmal ein Picknick abhalten. Die Rituale schreiben eigentlich vor, daß man sich in den ersten 24 Stunden fernhält, um den Menschen nicht die Möglichkeit zu geben, einen ganz leicht mit Futter zu ködern. Aber die Rituale sind nicht wertvoller als die Erfahrungen, die man selbst schon gemacht hat. Meine Erfahrung sagt mir, daß sie etwas von mir will. Nur sehr selten kam jemand hier her, der nichts wollte. Das waren dann die wunderbarsten Erfahrungen, die man machen konnte. Aber das schenkt das Leben einem nur sehr selten.

**

Ich hatte nicht erwartet, daß ein Einhorn Plätzchen bevorzugt. Sicher waren sie nicht mal etwas besonderes, bestimmt waren sie aus einem Fertigteig. Wie ich schon sagte, ich sehe nicht nach, was meine Tochter da veranstaltet. Mir genügt es vollkommen, wenn sie auch die Küche wieder reinigt. Ich möchte nicht, daß die Küche wie ein Schlachtfeld aussieht, mit Krusten im Backofen und ähnlichem. Das kann man schon erwarten, finde ich.

Dann nehme ich mir die Möhren- und Birnenstückchen. Ich ernähre mich sowieso vegetarisch. Das ist besser. Gesünder. Und ich ertrage Bratengerüche einfach nicht, sie bewirken Brechreiz bei mir. Ich weiß nicht, weshalb das so ist. Es macht auch nichts, ich komme vegetarisch sehr gut zurecht. Und gesünder ist das allemal. Das weiß man.

*

Diese Frau ist anders als die Menschen, die mich sonst hier begrüßten. Sie ist geduldiger, wie mir scheint. Nun, abwarten. Ein mythisches Tier wie ich hat schon viel gesehen in seinem langen Leben. Und so knabbere ich die kleinen Küchlein und freu mich einfach, so etwas Gutes auf der Zunge zu haben. Sie wurden gebacken mit Stolz und mit Mut. Ich spüre auch einen kleinen Hauch Bitterkeit dabei, nicht viel. Gerade genug, um ihn zu fühlen. Abgerundet sind sie mit Zuversicht; es ist mein Lieblingsgewürz. Zuversicht ist unbezahlbar. Ich denke, ich mag diese Frau.

**

Eigentlich geht es mir nicht schlecht. Ich habe mein Auskommen. Ich habe mir einen Mann gesucht. Er ist liebenswürdig und nett. Er mochte meine Freunde nicht, also habe ich ihnen den Laufpaß gegeben. Das muß man verstehen, Freunde kommen und gehen. Man kann sich eine Weile auf sie verlassen, aber sie ersetzen keinen Mann mit einem eigenen Haus und einem sicheren Einkommen. Wenn es darum geht, was wichtiger ist, dann werde ich nicht mit meinem Mann streiten.

Es hat wundervolle Augen, dieses Tier. Es ist sehr zutraulich und schnuppert ein wenig an mir. Das ist schon in Ordnung. Ich fürchte mich nicht.

*

Ich frage mich, was diese Frau sich von mir wünschen wird. Gesundheit? Sie riecht sehr gesund. Mehr kann man sich wohl nicht erhoffen als Mensch. Mit den Wundern ist das so eine Sache. Es gibt sie schon, aber manchmal klappen sie nicht so richtig. Daher ist es besser, sich auf die Natur zu verlassen und mit ihr zu arbeiten statt gegen sie, Ihr versteht schon…

Sie riecht auch nicht ärmlich. Und schwach ist sie nicht. Sie hat sicher alles, was sie braucht. Ich bin gespannt, was sie meint haben zu müssen, das ich ihr geben soll.

**

Ich liege gern in meinem Bett. Es gibt mir das Gefühl von Sicherheit. Ich muß noch nicht hinaus, muß nicht beweisen, was ich kann. Ich muß nichts können. Ich habe schon viel Können beweisen wollen und bin nicht gut zurechtgekommen. Ich habe viele Talente. Aber keines hat mir zu dem verholfen, was ich immer wollte. Ich wollte Freiheit, Unabhängigkeit! Ich wollte meine eigenen Entscheidungen treffen können!

Statt dessen sollte ich Prüfungen ablegen; zeigen, was ich gelernt habe. Ich habe selbst gesehen, wie diese Prüfungen auf Menschen wirkten. Sie ließen sie zittern und stammeln, noch ehe es soweit war. Und hinterher ließ sie dieselben Menschen weinen oder lachen – es war nicht normal. Ich habe diese Prüfungen gehaßt – und ich habe sie vermieden. Sobald eine Prüfung anstand, bin ich ausgestiegen. Ich blieb einfach im Bett. Ich verschonte mich selbst damit.

Ich breite mein Tuch aus für die Nacht. Dieses schöne Tier geht, aber es wird morgen wiederkommen, ich bin sicher. Ich strecke mich aus. Es geht mir gut. Vielleicht könnte ich einfach hierbleiben für alle Zeit… Das habe ich zwar schon einmal gedacht, als ich nämlich einzog in das schöne große Stadthaus. Es war wunderbar. Und die Luft war voller Liebe. Kein Zwang frühmorgens zum Aufstehen, und wenn ich die Treppe herunterging, summte die Kaffeemaschine freundlich. Und doch bin ich nun hier.

* Weiterlesen ‚Das mythische Tier – eine Novelle‘


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