Archiv für Oktober 2008

Das Schicksal der Nachtigallen

Es lebte einst in einem fernen Land ein Nachtigallenhändler mit seiner Frau. Sie waren redliche Leute und berühmt für ihre Nachtigallen. Diese Nachtigallen sangen so süß, so wundervoll, daß Kranke gesundeten, wenn sie ihren Gesang hören konnten, und Alte sich verjüngten. So sagte man über diese Nachtigallen.

Der Händler zog alle seine Nachtigallen selbst auf. Er verwendete viel Sorgfalt und pflegte und fütterte seine Nachtigallen hingebungsvoll. Er streute ihnen die besten Körner und pflückte für sie die süßesten Gräser. Und die Nachtigallen dankten es ihm mit ihrem Gesang.

Eines Tages kam ein fremder Herr vorbei, der suchte nach der schönsten aller Nachtigallen. Und als er sie bei dem Händler erspähte, so bot er ihm einen ganzen Beutel voll mit Gold. Der Händler war freudig einverstanden, und so wurden sie handelseinig. Künftig sollte diese Nachtigall nur für ihren neuen Besitzer singen, schon am nächsten Morgen wollte er sie abholen.

Der Händler weihte den Herrn ein in die Kunst der Pflege der Nachtigall, denn es sollte ihr auch künftig an nichts fehlen. Und der neue Herr versprach, sich gut um seinen Neuerwerb zu kümmern.

„Nur aus dem Käfig lassen darfst du sie niemals,“ riet er dem Manne. „Denn es wäre möglich, daß sie fortfliegt und nicht zurückkehrt in den Käfig, den du ihr gibst.“ Der versprach, sich getreulich an alle diese Regeln zu halten.

Am nächsten Tage kehrte er mit einem großen Käfig aus purem Gold zum Nachtigallenhändler zurück und holte sein kostbares Tier ab. Der Käfig war so schwer, daß er auf einem Wagen fahren mußte. So fuhr der Mann mit seinem Käfig und seiner eigenen Nachtigall zu seinem eigenen Haus zurück. Als er an seinem reichen Hause ankam, saß dort eine alte Bettlerin vor der Tür. „Um der Barmherzigkeit willen, gib mir ein Stück Brot, guter Mann, ich werde dir dafür ein gutes Rätsel stellen!“

Er war sehr erfreut, denn er liebte Rätsel. Diese waren ihm fast ebenso kostbar wie seine schönsten Kostbarkeiten, denn ist nicht ein kluger Kopf so wertvoll wie ein goldener Ring mit Smaragden und Rubinen an der Hand?

Und so gab er dem alten Bettelweib ein gutes Mahl und wartete geduldig auf das Rätsel. Denn es ehrt einen Mann die Geduld, die er zu zeigen vermag. Nachdem die Alte lustig geschmaust und gespeist hatte wie schon lange nicht mehr, schaute sie ihn listig an und fragte ihn: „Wofür hat der Allmächtige den Nachtigallen die Flügel gegeben?“

Sprach es, und begab sich eilends flinken Fußes aus dem Haus des reichen Mannes mit einer Nachtigall. Denn der Reiche konnte ergrimmt sein ob der klugen Frage. Er war wohl bereit, seiner Nachtigall ein schönes Heim und gute Pflege zu geben. Aber die Freiheit zu fliegen, wohin es ihr selbst beliebe, diese nicht.

Nein, diese nicht.


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