Archiv für Januar 2009

„Sag mir doch, was ich bin!“

forderte ich von der Eule. „Du bist das klügste Tier im ganzen Märchenwald, du weißt es also.“

Die Eule blieb ganz hinten in ihrer Baumhöhle sitzen. Sie klapperte mit den Augendeckeln; ich konnte sehen, wie ihre leuchtenden Augen aufflackerten und wieder verschwanden.

„Es ist zu hell für mich, was störst du mich am hellen Tag! Dabei weiß doch ein jeder, daß ich am Tage meinen Schlaf benötige!“ antwortete sie nicht besonders freundlich.

Ich wunderte mich. „Es ist schon Dämmerung, und gleich wird es dunkel. Was soll das also, Eule? Willst du es mir nicht sagen?“

Was hatte ich getan, daß sie mich nicht anhören wollte? Daß sie mir nicht antworten wollte?

„Sag mir, was ich essen kann“, forderte ich rundheraus. „Ich muß essen, so wie alle Tiere hier.“

„Ja doch,“ schnaufte die Eule verächtlich, „alles kannst du essen, was du fangen kannst.“ Ich verstand das nicht. „Wie meinst du das, Eule? Sprich nicht in Rätseln zu mir, sondern sag mir, was ich wissen muß!“ forderte ich.

Ihre Augen öffneten sich wieder, dabei verzog sie sich noch weiter nach hinten in ihre Höhle. „Du bist ein Beutegreifer, mein lieber junger Freund! Und du kannst jede Beute essen, die du gegriffen hast. Man nennt Deinesgleichen die Falken. Nicht die größten unter den Greifen, doch aber sehr geschickt in der Jagd. Und nun hebe dich hinweg, damit ich mein Tagwerk vollbringen kann, denn du wirkst störend auf mich!“

Die Eule fauchte mich an. Schon immer bin ich erschrocken, wenn die Eule fauchte. Doch diesmal fauchte ich zurück. Es war ein wilder Schrei. Die Eule klappte ihre Augen zu und rührte sich nicht mehr in ihrem Höhlenversteck.

Ich blieb noch eine ganze Weile nachdenklich davor sitzen. Und sagte gleichfalls nichts.

Wenn ich kein Stinktier bin – was bin ich dann?

Ich sitze allein auf meinem Ast. Ich mag es, auch mal allein zu sein. Immer nur der Trubel in der Seeschwalben-Kolonie, das ermüdet.

Fliegen kann ich noch immer nicht, aber ich verändere mich. „Er wird ne Elster“, schrien mir die Möwen hinterher. Aber sie trauen sich trotzdem nicht an mich heran. Ich habe einen dieser Schreihälse erwischt, als sie auf einen kleinen Vogel losgingen. Sie waren so mit Kämpfen und Gewinnen beschäftigt, daß sie mich gar nicht bemerkten. Ich habe den Größten unter ihnen gepackt. Ich erwischte ihn am Kopf. 

Als ich ihn nach einer Weile wieder losließ, nur das Gefieder am Kopf ein wenig ramponiert, verschwand er wie ein Blitz – und ohne das übliche Geschrei. Seine Kumpane hatten schon lange das weite gesucht. „Schöne Freunde“, spottete ich noch hinter ihm her.

Schmelz wünscht sich, daß ich eine Seeschwalbe werden möge. Aber ich weiß nicht, eigentlich bin ich zu groß dafür. Statt meines Mäulchens mit den vielen Zähnen bekomme ich einen gebogenen Schnabel. Und statt meiner Tatzen wachsen mir Klauen. Andauernd kratze ich mich selbst, ganz aus Versehen. Es ist ein Jammer.

Fliegen kann ich noch nicht. Aber schon ganz ordentlich hüpfen, sagt Schmelz. Ich fühle mich nicht wohl in meiner Haut. Vielleicht wäre es doch besser gewesen, bei Mama zu bleiben, denke ich. Aber ich sage nichts.

Die dumme Ziege

Es traf im Gebirge eines Tages eine wilde Ziege auf eine kleine Herde von zahmen Ziegen, die sich im Unwetter verlaufen hatten. Auch ihren Hirten hatten sie irgendwo verloren.

Die wilde Ziege begrüßte sie freundlich auf ihrer Wiese. Die Ziegenherde schlug sich flugs den Bauch voll an den guten Gebirgskräutern, und nun hatten alle Durst. 

Die wilde Ziege führte sie zu einem Gebirgsbach, der klares Wasser bot.

Abends zeigte die wilde Ziege der Herde einen gut geschützten Platz zum Lagern. Als sie darauf gehen wollte, fragte der Bock, der für seine Herde sprach: „Warum lagerst du nicht mit uns, liebe Schwester? Du hast uns einige gute Dienste geleistet, so daß wir auch Dir gern einen Dienst leisten wollen. Lagere mit uns, du wirst sehen, wie angenehm das ist. Denn wir schenken uns gegenseitig Wärme und lassen es uns gut gehen.“

Antwortete da die wilde Ziege: „Nein, liebe Freunde, das werde ich nicht tun. Ich habe kein Interesse, mir Eure Parasiten und Quälgeister aufzuhalsen. Ich tu, was ich immer tu, und lagere allein.“

„Nein,“ schrien da die zahmen Ziegen, „welch hochmütiger Geist doch in ihr steckt!“ 

Und sie schalten sie eine ganz dumme Ziege.


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