Die Geschichte von der Goldenen Gans

Dies ist ein Märchen für Erwachsene. Nur für Erwachsene.

Ich erzähle sie Euch nur, weil Ihr mich drum gebeten habt. Und wenn Kinder unter Euch sind, so werden diese nicht wirklich verstehen. Dann erklärt Ihr Euren Kindern, was es damit auf sich hat – oder Ihr bringt sie jetzt gleich nach Haus und zu Bett…

Das Märchen von der Goldenen Gans hat sich genau so zugetragen, wie ich es Euch erzähle.

Draußen, am Rande des Dorfes, wo der Wald schon beginnt, stand einst eine Herberge. Sie hieß „Herberge zur Goldenen Gans“, und war eine gut geführte Wirtschaft. Die Gebäude waren in einem guten Zustand, und die Nebengebäude, die Ställe und die Scheunen, waren gut gepflegt und wohlgefüllt. Auch der Keller war in guter Verfassung und enthielt so manchen edlen Tropfen und so manchen wohlgeratenen Schinken, auch Räucherwurst und andere feine Leckereien.

Im Obergeschoß der Herberge befanden sich die Kammern für die Reisenden, mit einem guten Bett und Waschgeschirr, und im Untergeschoß war der Schankraum, des Wirtes eigenes Reich…

Es kam eines Tages ein junger Bursche in die Goldene Gans, und er war nicht nur mit Talern gut ausstaffiert, sondern auch noch von angenehmem Wuchs und hübsch. Er nahm ein gutes Zimmer in der Herberge. Seine Kutsche wurde wohl verwahrt, seine Pferde wurden gut versorgt.

Und sein Diener wurde versorgt, mit einer kleineren Kammer. Alles an diesem jungen Herrn war herrschaftlich – seine prächtige Kleidung, seine feine Kutsche, seine schönen Pferde, sein ansehnlicher Diener.

Der Wirt bemerkte sehr schnell, daß dieser junge Herr, wiewohl jung an Jahren, so doch reich an Erfahrung war, und einen guten Tropfen wohl zu schätzen wußte. Er geizte auch nicht mit seinen Talern, sondern ließ sich nur das Beste auftafeln. Sein Diener mußte ihm dann vorlegen, und auch für ihn fiel noch mancherlei des Guten ab.

Im ganzen Dorf, ja bis zur Stadt sprach sich seine Ankunft schnell herum. Der junge Herr und seine Geselligkeit wurden schnell bekannt, und die Honoratioren selbst aus der entfernt liegenden Stadt, ja selbst aus dem Schlosse, kamen herbei. Dem Wirt gefiel das gut, klingelten die Münzen doch in seinem Kasten, und häuften sich schneller als gewöhnlich.

Nie saß der junge Herr allein an seinem Tisch, und bald mußte er auch seine Rechnungen nicht mehr selbst zahlen. Zu jeder Zeit fand sich ein Gönner oder eine Gönnerin, die die Taler in des Wirtes Schatulle warfen oder dem jungen Herrn direkt in die Hand drückten.

Es fanden sich fröhlich feiernde Runden zusammen, und die Leute waren vergnügt wie lange nicht… den ganzen Sommer über herrschte ausgelassenes Treiben.

Ich betrachtete das alles aus der Ferne. Oh nein, ich bin dem Spaß und einem guten Wein nicht etwa abgeneigt, doch ich habe in meinem langen Leben schon viele Dinge gesehen. Ihr selbst wißt, was ich als Euer Feldscher und Heiler schon gesehen habe, denn Ihr alle seid schon zu mir gekommen…

Und so war es auch zu der Zeit. Irgendwann kommen sie alle. Und in dieser Geschichte kam die erste sehr schnell. Es war des Wirtes junges Töchterlein, kaum 16 Sommer zählte sie. Der Wirt selbst hätte wohl Stein und Bein geschworen, daß sie brav und unverbildet sei, daß sie nie Unrechtes täte und dergleichen mehr.

Sie kam verschämt nach Anbruch der Dunkelheit und klagte mir ihr Leid. Wie ihre Zuneigung schändlich ausgenutzt worden sei, und daß sie von der alten Dorfhexe zuvor ein Mittel gegen unerwünschte Folgen geholt hätte…

Aber gegen den Juckreiz an einer sehr privaten, sehr eigenen Stelle hatte ihr die Dorfhexe wohl nichts zu verkaufen. Sie litt.

Ihr alle kennt meine guten Künste – und meine große Verschweigenheit. Ich half ihr für das wenige Geld, das sie mir bot und blieb schweigsam. Sie hatte ihre Lektion gelernt. Sie kam nicht wieder.

Danach kamen sie mehr oder weniger alle, und manche kamen mehrmals. Die schöne Hochwohlgeborene aus dem Schloß. Der junge Kutscher. Die Bademagd. Der Barbier. Der Knecht, die Magd. Der Gärtner, der Gänsejunge. Eine Bauersfrau, eine alte Höckerin. Die Wirtin aus dem Dorf. Der Förster. Des Försters Frau. Des Barbiers Frau. Der Schmied und seine Gesellen. Schließlich auch der Wirt persönlich.

Und alle schworen sie viele Eide, sie wüßten gar nicht, und sie hätten doch nicht… und sie wären alle brave Leute. Die keiner Sünde nahe kommen.

Und sie alle brauchten meine Hilfe. Alle kauften sie meine Heilmittel, eine Salbe, aufzutragen in der Gegend, die so juckte und kratze und biß. Und sie alle hieß ich, diese Gegend vorher zu rasieren, auch die Weibsleut. Denn meine Salbe konnte nur auf glatter Haut gut wirken.

Schließlich, nach den vielen lustigen Wochen verlor der junge Herr, der im übrigen nie zu mir kam und nie um mein Mittel bat, seine gute Laune und seinen Witz. Sein Diener ebenso, und dieser kam dann doch zu mir, um mich um mein Mittel zu bitten. Wiewohl er nur ein Dienstmann war – ihm verkaufte ich mein Mittel teuer.

Am nächsten Tag war die Kutsche angespannt und Diener und Herr verschwanden aus der Wirtschaft. Das Leben wurde für alle wohl ein wenig langweiliger und weniger lustig, jedoch auch etwas leichter.

Ich blieb verschwiegen bis heute, und diese Geschichte ist jetzt wirklich lange her. Dennoch vergeßt nicht meinen guten Rat: denket daran, es fällt wohl doch auf, wie heimlich auch immer man handelt. Es bleibt nichts verborgen, das man nicht für sich behalten kann, auch wenn man schweigt.

Die Dinge sprechen für sich. Und ein böses Jucken ist nicht stumm.

Das ist meine Geschichte von der Goldenen Gans, die nicht im Verborgenen blieb.

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3 Responses to “Die Geschichte von der Goldenen Gans”


  1. 1 Lavendelblau 8. März 2011 um 3:55 PM

    Köstlich!
    Dein hintergründiger Humor ist wundervoll.
    🙂
    Danke für diesen Einstand – andernorts.
    Lieber Gruß
    Elke

  2. 2 Sari Fritz 20. Februar 2012 um 11:12 PM

    Elke spricht mir voll aus dem Herzen. Super

  3. 3 Hannelore Furch 29. August 2013 um 7:00 PM

    Da hast du ein Exempel statuiert: Für menschliche Verhaltensweisen. Gut!


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