Archiv für Juni 2009

Vom Fischer und seiner Frau

Viel habe ich auf meinen Wanderungen gesehen. Größere und kleinere Wunder und ebenso ganz banale Dinge.

Nicht alles ist für jedermanns Augen bestimmt und nicht alles für jedes Ohr. Und hier erzähle ich euch nun die Geschichte von dem Fischer und seiner Frau, doch ob eure Kinder sie mit anhören sollen, das müßt ihr selbst entscheiden.

Ich habe nichts dagegen, aber sie sollen stille sein, so lange ich spreche. Und ihre Fragen sollen sie euch erst danach stellen, wenn ich fertig bin.

So traf ich an der Meeresküste einen Fischer und seine Frau. Es ist kein leichtes Leben, das ein Fischer hat, wenn er mit seinem Boot hinausfährt, um die Fische mit seinem Netz zu fangen. Es ist eine schwere Arbeit, die vollen nassen Netze einzuholen, doch noch schwerer ist es, die leeren nassen Netze einzuholen, wenn er nichts gefangen hat. Er kann in einen Sturm geraten, und sein Boot kann beschädigt werden. Es kann sinken, und der Fischer kann mit seinem Boot untergehen.

Für seine Frau ist das Leben kaum leichter. Sie muß die Fische verkaufen, entweder an den Händler mit seinem großen Fischkarren oder auf dem Markt am Stand. Sie muß die Netze flicken, wenn Löcher hineingerissen wurden. Und sie muß fürchten, daß ihr Mann von einer Fahrt nicht zurückkommt.

Nein, es ist kein leichtes Leben. Doch es ist besser als kein Leben, so sehen es dort die Leute und dachten nie daran, von ihrer Heimat fortzugehen.

Nun kam es, daß ein Fischer wochenlang erfolglos blieb. Keine Fische im Netz – kein Brot auf dem Tisch. Das Gesicht des Fischers wurde grau vor Gram, und das seiner Frau ebenso.

Als er einmal wieder sein Netz einholte, so schien ihm, er hätte wieder nichts gefangen. Zu leicht war das Fischnetz, das er aus dem Wasser zog. Doch dann, als er es im Boot hatte, sah er, daß er doch etwas gefangen hatte. Es war ein einziger Fisch!

Doch was für ein Fisch! Ein großer Fisch, nein – ein riesiger Fisch! Zehn Mal so groß wie die Fische, die er sonst so fing. Und bunt war der Fisch, in den Farben des Regenbogens gefärbt, und sie glänzten und schillerten, daß ihm schier die Augen übergingen. Und wie er so den sonderlichen und doch so prächtigen Fang anglotzte, tat der Fisch sein Mäulchen auf und sprach zu ihm.

„Guter Mann“, sagte ihm der Fisch, „bitte wirf mich zurück ins Wasser!“ Der Fischer kratzte sich am Kopf. Einen sprechenden Fisch hatte er noch nie gesehen. Aber auf seinen ersten Fang nach Wochen verzichten? Nein, das hatte er gewiß nicht vor. Er drehte sich um,steckte den Fisch in die Fangkiste, um nun das Netz erneut im Meer zu versenken. Wo ein Fisch war, konnte recht gut noch ein zweiter Fisch sein.  Das würde wenigstens für ein Abendessen reichen.

„Bitte“, schrie der Fisch aus der Fangkiste, „laß mich frei, und ich werde dich reich belohnen! Was Du dir wünschst, ich kann es dir erfüllen!“ So bettelte der Fisch um sein Leben.

Das fand der Fischer dann doch interessant. Er drehte sich zu der Fangkiste um und blickte den Fisch fragend an. „Ich bin der König der Fische, und ich kann meinen Untertanen befehlen, sich in deine Netze zu begeben“, erklärte der Fisch.

Der Fischer brummte nur. „Meine Fische hab ich mein Lebtag selbst gefangen, und von einer kleinen Flaute laß ich mir nicht bange machen. Dich habe ich doch auch ins Netz gekriegt.“

„Was wünschst du dir sonst, guter Mann?“ fragte ihn der König der Fische. „Ich kann dir wirklich jeden Wunsch erfüllen, Reichtum, Glück oder eine hohe Stellung am Hofe Eures Königs. Denn ich besitze wunderbare Kräfte, die ich für dich einsetzen werde.“ So sprach er.

„Woll, woll,“ brummte der Fischer wieder, „aber eine Stellung am Hofe des Königs will ich nicht. Was sollte ich dort auch sein, gepudert und bezopft, vielleicht der erste Fischer des Königs? Das behagt mir nicht.“

„Oder willst du vielleicht ein reiches Gut dein Eigen nennen, ein schönes Haus und Ländereien noch dazu?“ fragte der Fisch.

„Woll, woll, das könnte ich mir schon vorstellen“, antwortete der Fischer. „Aber kann ich dann noch immer mit dem Boot hinausfahren, um meine Fische zu fangen?“

„Das kannst du, denn du bist dann der Herr, und du bestimmst, was ein jeder des Gesindes tun muß.“ sagte der Fisch.

„Und könnte ich dann eine riesige Truhe haben, zweimal so groß wie mein Fangkasten hier auf dem Boot, und voller Goldstücke, die nie alle werden dürften?“ fragte der Fischer.

„Natürlich kannst du eine große Kiste voller Goldstücke haben, und diese sollen niemals versiegen, das verspreche ich dir, „antwortete der Fisch.

Der Fischer kratzte sich wieder am Kopf. Er überlegte. „Ich könnte also Gutsherr sein, mit herrlichen Rössern, mit einem großen schönen Haus, mit einer Truhe mit nie versiegenden Goldstücken?“

„O ja, mit einem ganzen Stall voll der wunderschönsten Pferde, die du dir nur vorstellen kannst. Du brauchst es dir nur zu wünschen“, versprach der Fisch.

„Ich könnte dann ja auch eine ganze Anzahl von Gesinde haben, die meiner Frau zur Hand gehen müssen, viele Mägde, die das Haus und den Garten besorgen und ihr die Arbeit leicht und gering machen müßten…“ sinnierte der Fischer halblaut vor sich hin.

„Mägde und Knechte, die alle Arbeit erledigen, die du nur wünschst“ erwiderte der Fisch eilig, „nur wirf mich schnell ins Wasser, damit ich die Dinge für dich erledigen kann.“

„Und statt meiner zänkischen Alten“, so fragte der Fischer den Fisch ganz direkt, „könnte ich statt dieser griesgrämigen Frau nicht eine junge und hübsche, ganz frohgelaunte Frau haben?“

„Gut, daß du mich danach gefragt hast“sagte der Fisch, „ich kann Deine Frau verjüngen, so wie sie früher einmal war. Oder ich kann dir eine andere hübsche junge Frau an ihrer Stelle versorgen. Aber schnell sollst du dich entscheiden, denn ich muß dringend ins Wasser zurück, die Trockenheit ist nicht mein Element“, drängte der Fisch den Fischer. „Ich muß jetzt wirklich gleich zurück ins Wasser, sonst erleide ich einen Schaden!“

Doch der Fischer konnte sich einfach nicht entscheiden. Er blickte gedankenverloren aufs Meer hinaus. Wollte er nun eine neue junge Frau – oder wollte er seine Alte verjüngt zurück haben? Er grübelte und grübelte, und als er endlich meinte, eine Lösung gefunden zu haben, drehte er sich wieder zu dem Fisch um. Er wollte dem Fisch gerade sagen, daß er beide Frauen nehmen wollte, die verjüngte alte, an die er sich doch schon so gut gewöhnt hatte, und auch die neue, die sicher einige aufregende Dinge zu bieten hätte.

Da sah er, daß der Fisch in der Kiste seinen letzten Atemzug getan hatte. Und nun, als toter Fisch, erschien er ihm auch nicht mehr besonders groß und auch nicht mehr besonders bunt auszusehen. Eben ein Fisch, vielleicht war es ein Kabeljau, oder aber ein Dorsch, ich weiß es nicht.

„Na, sowas“, brummte er in sich hinein und warf das Netz aufs neue aus. Beim nächsten Einholen zog er reichen Fang an Bord, und seine Laune wurde wieder frischer.

Als er mit seinem Fang dann am Abend an Land kam, begrüßte ihn seine Alte wie immer. „Na, Fischer, wie war dein Tag denn so?“ fragte sie ihn. „Och, man bloß so“, murmelte er und überlegte, ob er nicht doch besser auf den Fisch gehört hätte, und ihn nicht besser rechtzeitig über Bord geworfen hätte.

Aber vielleicht war es ja doch besser, seiner Frau nichts davon zu erzählen…

Abrahams Weib

Wo willst du hin mit dem Jungen, Abraham? Nein, du bleibst hier und gibst mir eine vernünftige Antwort!

Ich habe es satt, daß du immer nur tust, was dir so gefällt. War ich dir keine gute Ehefrau? – Ich war dir immer eine gute Ehefrau! Ich halte das Haus und die Wirtschaft am laufen, ich kümmere mich um die Lämmer und ihre Mütter, die du von der Weide mitbringst, weil sie zu schwach sind. Ich stelle alles her, was nötig ist, ich spinne die Wolle und webe die Tücher. Ich nähe die Hemden, die du dann im Gestrüpp zerreißt, wenn du einem Schaf hinterherrennen mußt, weil du deine Hunde nicht im Griff hast.

Ich dagegen habe die Hofhunde gut erzogen, kein Durchreisender wurde je von ihnen gebissen, und doch bewachen sie die Vorratshäuser. Nie wurde uns gestohlen, was wir erwirtschaftet haben. Was ich erwirtschaftet habe!

Ich nähe deine zerrissenen Hemden, ohne mich jemals beklagt zu haben. Seit dein versoffener Vater und deine versoffenen Brüder mich zu Euch ins Haus geholt haben, habe ich alles klaglos ertragen. Ich tu meine Arbeit, und ich tu sie gut. Ich bleibe freundlich zu dir, wenn du selbst zuviel des Selbstgebrauten in dich hineingeschüttet hast. Das nicht du gebraut hast, sondern ich braute es. Und mein Bier ist das Beste der ganzen Sippe. Dennoch kein Grund, über den Durst zu trinken. Doch ich beklagte mich nie, und ich half dir, wenn du nicht mehr gerade stehen konntest, und wenn du dich selbst besudelt hattest. Ich half dir beim Reinigen, und ich brachte dir frisches klares Wasser für den Durst.

Du hast keinen Grund, auch nur ein schlechtes Wort über mich zu sagen. Das mußt du doch zugeben.

Doch nun… laß mich reden. Ich weiß nicht, was du vorhast, wenn du den Jungen jetzt mitnimmst. Ich habe gehört, daß komische Gerüchte kursieren… über bösartige Riten, über Gottesanrufungen und anderes. Ich verstehe nichts von solchen Dingen. Ich bin nur ein Weib, das die Wirtschaft führt. Und ich führe sie gut.

Laß mich nur noch so viel sagen, Abraham. Bring den Jungen mit, wenn du zurück kommst. Bring ihn mit, ohne daß ihm ein Härchen gekrümmt ist. Es ist mein Sohn, und ich bestehe darauf. Ich meine das sehr ernst.

Wenn du zurückkommst ohne ihn, solltest du nicht versuchen, auch nur einen Fuß über diese Schwelle zu setzen, Abraham…

Ich bin nur ein Weib. Aber ich bin auch eine Mutter. Und ich kann dir nur das eine sagen, wäge gut ab, was du tust. Wäge es sehr gut.


Leser

  • 17,337 Rezipienten

Jahrhundertanzeige

Juni 2009
M D M D F S S
« Mai   Aug »
1234567
891011121314
15161718192021
22232425262728
2930  

Top-Klicks

  • -

Top-Beiträge