Posts Tagged 'Du kleines Stinktier!'

Freunde?

Ich sitze auf meiner Beute und rupfe ihr die Federn systematisch aus. Es war eine hübsche Taube, als sie noch lebte. Doch ich muß auch von etwas leben. Nicht weit von mir streunt eine zerzauste Katze durch das Gras. Sie miaut kläglich.
Vielleicht sollte ich ihr einen kleinen Teil meiner Beute überlassen, überlege ich.
Sie schaut mich freundlich an. Ich überlege noch immer. Sie könnte mein Freund sein.

Hinter mir raschelt es. Bevor ich sehen kann, was los ist, liege ich im Gras. Ein Gewusel aus Katzen macht sich über meine Beute her. Die zerzauste Katze kommt näher und sagt mir ins Gesicht: „Was du nicht festhalten kannst, gehört dir nicht, mein Kleiner. Hat Dir das noch niemand verraten? Gegen mich und meine Kinderschar hast du keine Chance  – flieg schnell weg.“

Die Taube war nur eine kleine Beute. Vielleicht hätte ich sie ihnen überlassen, wenn sie doch so hungrig sind. Ich kann leicht größere Beute schlagen. Diese hier sind nicht meine Freunde.

„Sag mir deinen Namen“, bitte ich die Katze, „damit ich weiß, wem ich nicht trauen darf…“

Ich muß essen!

Ich habe Hunger. Ich muß essen! Ich muß jagen gehen.

Ich erhebe mich von meinem Sitz auf diesem Ast und starte. Ich steige zum Himmel auf und blicke mich erst einmal um.

Eine Möwe fliegt weit unter mir, ich sehe sie ganz klar und deutlich. Sogar ihre Augen kann ich erkennen. Sie sieht mich nicht.

Ich lege die Flügel an und lasse mich stürzen. Meine Geschwindigkeit steigt rasant. Ich lasse mich direkt auf den Rücken der Möwe fallen, die mich nun doch bemerkt hat. Aber ich stürze wie ein Felsbrocken auf ihren Rücken und habe die Fänge schon in sie eingeschlagen. Ich lasse mich mit meiner Beute noch ein ganzes Stück tiefer fallen, ehe ich meine Flügel ausbreite und den Sturz abfange.

Es ist ein Kinderspiel. Die Möwe war schnell tot. Ich rupfe an ihrem Gefieder und stille meinen Hunger. Das Essen werde ich noch etwas üben müssen. Fliegen und Schlagen gingen leichter.

Und vor diesen Möwen habe ich mich mal gefürchtet.

Ich bin ein Falke geworden. Jetzt weiß ich es genau. Ich säubere meinen Schnabel, indem ich ihn an Gras und Erde reibe. Ich betrachte meine Klauen. Ich kann es!

Ich muß allein sein

Schmelz hat mich besucht. Schmelz wollte, daß ich zurückkehre zur Kolonie. Doch ich will nicht. „Es war doch immer gut dort, dir hat es doch gefallen“, meinte Schmelz enttäuscht.

Es ist wahr. Es war gut dort für mich. Und jetzt? Ich passe nicht mehr dorthin. Ich fühle es. Dabei würden mich die Seeschwalben sicher wieder freundlich aufnehmen. Und versuchen, für mich eine passende Unterkunft zu finden, denn ich bin zu groß für ihre Nester.

Schmelz hat noch eine Weile gebettelt, aber ich konnte mich nicht überwinden. Da wurde Schmelz wütend und schrie mich an: „Du bist ein Klotz mit einem steinernen Herzen, weißt du das nicht? Ich bin nicht nur dein Freund, ich will eine Familie gründen, und zwar mit dir! Das ist aber eine ganz sinnlose Idee, denn du kennst wohl kein lebendes Wesen außer dir selbst. Hast du dich je gefragt, was ICH fühle? Hast du überhaupt Gefühle?“ 

Schrie es, und flog fort. Ich saß ganz verwirrt auf meinem zerzausten Ast, meinem Lieblingsplatz. Ich wußte gar nicht, daß Schmelz ein Mädchen ist…

„Sag mir doch, was ich bin!“

forderte ich von der Eule. „Du bist das klügste Tier im ganzen Märchenwald, du weißt es also.“

Die Eule blieb ganz hinten in ihrer Baumhöhle sitzen. Sie klapperte mit den Augendeckeln; ich konnte sehen, wie ihre leuchtenden Augen aufflackerten und wieder verschwanden.

„Es ist zu hell für mich, was störst du mich am hellen Tag! Dabei weiß doch ein jeder, daß ich am Tage meinen Schlaf benötige!“ antwortete sie nicht besonders freundlich.

Ich wunderte mich. „Es ist schon Dämmerung, und gleich wird es dunkel. Was soll das also, Eule? Willst du es mir nicht sagen?“

Was hatte ich getan, daß sie mich nicht anhören wollte? Daß sie mir nicht antworten wollte?

„Sag mir, was ich essen kann“, forderte ich rundheraus. „Ich muß essen, so wie alle Tiere hier.“

„Ja doch,“ schnaufte die Eule verächtlich, „alles kannst du essen, was du fangen kannst.“ Ich verstand das nicht. „Wie meinst du das, Eule? Sprich nicht in Rätseln zu mir, sondern sag mir, was ich wissen muß!“ forderte ich.

Ihre Augen öffneten sich wieder, dabei verzog sie sich noch weiter nach hinten in ihre Höhle. „Du bist ein Beutegreifer, mein lieber junger Freund! Und du kannst jede Beute essen, die du gegriffen hast. Man nennt Deinesgleichen die Falken. Nicht die größten unter den Greifen, doch aber sehr geschickt in der Jagd. Und nun hebe dich hinweg, damit ich mein Tagwerk vollbringen kann, denn du wirkst störend auf mich!“

Die Eule fauchte mich an. Schon immer bin ich erschrocken, wenn die Eule fauchte. Doch diesmal fauchte ich zurück. Es war ein wilder Schrei. Die Eule klappte ihre Augen zu und rührte sich nicht mehr in ihrem Höhlenversteck.

Ich blieb noch eine ganze Weile nachdenklich davor sitzen. Und sagte gleichfalls nichts.

Wenn ich kein Stinktier bin – was bin ich dann?

Ich sitze allein auf meinem Ast. Ich mag es, auch mal allein zu sein. Immer nur der Trubel in der Seeschwalben-Kolonie, das ermüdet.

Fliegen kann ich noch immer nicht, aber ich verändere mich. „Er wird ne Elster“, schrien mir die Möwen hinterher. Aber sie trauen sich trotzdem nicht an mich heran. Ich habe einen dieser Schreihälse erwischt, als sie auf einen kleinen Vogel losgingen. Sie waren so mit Kämpfen und Gewinnen beschäftigt, daß sie mich gar nicht bemerkten. Ich habe den Größten unter ihnen gepackt. Ich erwischte ihn am Kopf. 

Als ich ihn nach einer Weile wieder losließ, nur das Gefieder am Kopf ein wenig ramponiert, verschwand er wie ein Blitz – und ohne das übliche Geschrei. Seine Kumpane hatten schon lange das weite gesucht. „Schöne Freunde“, spottete ich noch hinter ihm her.

Schmelz wünscht sich, daß ich eine Seeschwalbe werden möge. Aber ich weiß nicht, eigentlich bin ich zu groß dafür. Statt meines Mäulchens mit den vielen Zähnen bekomme ich einen gebogenen Schnabel. Und statt meiner Tatzen wachsen mir Klauen. Andauernd kratze ich mich selbst, ganz aus Versehen. Es ist ein Jammer.

Fliegen kann ich noch nicht. Aber schon ganz ordentlich hüpfen, sagt Schmelz. Ich fühle mich nicht wohl in meiner Haut. Vielleicht wäre es doch besser gewesen, bei Mama zu bleiben, denke ich. Aber ich sage nichts.

Ich bin kein Stinktier!

Mir geht es prima! Ich habe einen Freund gefunden! und das kam so…

Wie schon so oft habe ich mich zum Strand hinausgeschlichen, und dort beobachtete ich die Möwen. Ach, wie ich sie beneidet und bewundert habe! Diese eleganten Flieger, stark und doch grazil…

Ganz in meiner Nähe war noch ein Vogel, aber er war viel mickriger als die Möwen. Die flogen auch immer wieder zu ihm hin und verspotteten ihn. Sie schrien, er wäre ein Wicht, ein jämmerlicher.

Eigentlich fand ich ja zuerst, daß sie Recht hätten. Im Vergleich zu den Möwen war der Vogel wirklich unscheinbar. Er war viel kleiner und hatte einen schwarzen Schnabel, der nur an der Stelle direkt am Kopf des Vogels rötlich gefärbt war.

Aber als die Möwen anfingen, auf den kleinen Vogel einzuhacken, fand ich das nicht mehr gut. Ich sprang hin und warf mich dazwischen.

„Eh, du Spinner, zisch ab, sonst kriegst du es mit uns allen zu tun!“ schrie eine der Möwen mich an. Ich plusterte mich auf und knurrte wütend. Da bemerkte eine andere Möwe, was ich bin. „Iiiiih – ein Stinktier! Rette sich, wer kann!“ schrie sie, und die ganze Truppe hob hastig, dafür um so mehr kreischend, ab. „Verzieh dich, du Stinker!“ schrien sie mir noch zu und lachten laut.

„Das hätte schiefgehen können,“ meinte der kleine Vogel. „Ich bin übrigens ein Verwandter dieses wilden Haufens, und sie wollten meine Krabbe haben,“ sagte er, „ich bin eine Seeschwalbe. Magst du ein Stück Krabbe kosten? Sie sind sehr lecker, glaub mir. Die Möwen wissen das nur zu gut.“

„Ich bin nur ein Stinktier,“ antwortete ich. „Dabei wäre ich lieber eine Möwe, aber ich weiß nicht, wie man das macht.“ Ich guckte die Seeschwalbe an und erschrak plötzlich. „Ich wäre natürlich nicht so gemein wie die da, ich würde dir deine Krabbe nicht wegnehmen.“

„Komm, hier – und koste ruhig, schmeckt wirklich super,“ meinte die Seeschwalbe. „Und ich bin dir einfach nur dankbar, daß du mir geholfen hast, ist doch völlig egal, was du bist! Du mußt ziemlich mutig sein, wenn du dich mit ihnen so einfach anlegen wolltest, das tut sonst niemand!“

Es ist wirklich egal, was ich bin? Ich traute meinen Ohren kaum. Und die Seeschwalbe hatte die Wahrheit gesagt. Die Krabbe schmeckte himmlisch. Nur gut, daß ich keine Krabbe war. Aber wenn es wirklich egal war, was ich bin, warum machte mir das so viel aus, daß jeder mich ein Stinktier nannte?

„Ich habe mein Essen mit dir geteilt, du bist jetzt mein Freund!“ meinte die Seeschwalbe. „Komm mich besuchen, wann immer du willst – ich wohne dort oben am Hang, das ist die Seeschwalbenkolonie. Ich hab auch einen Namen, ich heiße Schmelz. Eigentlich würde ich lieber Scharfauge heißen, denn ich habe die schärfsten Augen der ganzen Kolonie, ich sehe jede Krabbe! Aber meine Mama meinte, Schmelz paßt auch sehr gut zu mir…“

Und damit machte sich mein neuer Freund auf den Heimweg. Ich trottete auch nach Hause. Bestimmt würde ich Schmelz mal besuchen gehen. Ich freute mich schon drauf.

Nur Mama schnupperte komisch an mir herum und meinte dann: „Komm rein, mein Stinktier.“

Ich bin kein Stinktier! Aber ich sage nichts.

Du kleines Stinktier!

schreit Mama. Dauernd schreit sie mich so voll. „Könntest du dir nicht wenigstens ein bißchen mehr ein kluger Biber sein, oder wenigstens ein fleißiger Waschbär,“ sagt sie oft. Ich wäre lieber eine Möwe. Die fliegen mutig in den Sturm hinaus. Ich dagegen, ich muß hier im Abfall wühlen. Meine Familie macht das schon immer so. Wir finden da genug zu essen, und Spielsachen und Dinge, die man verkaufen kann.

„Es ist nicht vorbestimmt, was aus dir wird,“ hatte die kluge alte Eule gesagt. „Sieh mich an, ich stamme aus einer Familie, die überwiegend aus Mäusen besteht.“ Sie klapperte zufrieden mit ihren Augen. Jeder wußte, daß Mäuse ihre bevorzugte Leibspeise waren. Ich konnte mir nun auch denken, warum. Es ist wahr, jeder hier im Zauberwald weiß das. Man ist nicht vorbestimmt, sondern man wird das, was man wird. Das Zebra ist das Kind der Elefantin, und die war eine stolze Mutter. Der Baumspecht stammt aus einer Familie mit Fledermäusen. Er kletterte lieber als seine Geschwister, und eines Tages besaß er auch einen Schnabel zum Klopfen. Aber er aß Insekten, ganz genau so wie seine Eltern.

Warum nur klappt es bei mir nicht? Ich hätte so gern Flügel! Und diese schöne weiße Farbe, die Möwen sind zu beneiden. Ein paar von meinen schwarzen Streifen könnte ich behalten. Aber fliegen möchte ich!

„Du dreckiger kleiner Bastard, was trödelst du wieder hier herum! Komm endlich, wir wollen anfangen! Hier, durchsuche diesen Haufen mit dem herrlichen Zeug!“ Mama schiebt mich an den Dreckhaufen heran. Es riecht nicht gut. Ich will nicht, aber ich muß. Mama bestimmt einfach. Ich grabe, und dabei fühle ich,  wie meine Krallen kräftiger werden. Bei jedem Griff in den Müll merke ich das. 

Ich bin ein Stinktier. Ich weiß nicht, weshalb.


Leser

  • 17,337 Rezipienten

Jahrhundertanzeige

Mai 2017
M D M D F S S
« Jun    
1234567
891011121314
15161718192021
22232425262728
293031  

Top-Klicks

  • -

Top-Beiträge