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Des Teppichhändlers Ziege

Es hatte die Familie eines Teppichhändlers einen schönen Obst- und Gemüsegarten und eine kleine Ziegenherde. Den Garten, um immer frisches Obst und Gemüse für den Familientisch zu haben, und die Ziegenherde für frische, gute Milch und manchmal einen kleinen Braten.

Und es war der Ziegenherde streng verboten, den Garten zu betreten. Denn für die Ziegen ist die Weide, und der Garten ist für die Menschen gedacht. Und so lebte die Familie vergnügt und fröhlich, und die Ziegen waren auf der Weide, und die Kinder spielten im Garten.

Es war aber eine Milchziege, an der hing das Herz des Teppichhändlers ganz besonders. Sie war ihm von seiner Mutter anvertraut worden, denn sie hatte immer gute Milch gegeben. Nun liebte diese Ziege aber das Obst und das Gemüse zu sehr, und die Frau hatte sie schon mehrmals aus dem Garten hinausführen müssen.

„Wir müssen die Ziege draußen halten, vielleicht festbinden“, sagte die Frau zu ihrem Mann, dem Teppichhändler. „Sie frißt im Garten, was sie nur erlangen kann, und was sie nicht fressen kann, das zertritt sie. So geht das nicht weiter, der Garten sieht schon recht zerschunden aus.“

„Wo denkst du hin“, antwortete der Mann. „Diese Ziege ward mir übergeben mit den Worten, ich solle sie wie ein Kleinod behandeln. Und das tu ich auch.“ So sprach der Teppichhändler.

Die Frau seufzte, sagte aber nichts. Am nächsten Tag schloß sie das Tor zum Garten sorgfältig und verbot ihren Kindern, dieses Tor zu öffnen. Nun konnten die Kinder den Garten nicht mehr betreten und mußten in der Hitze und im Staub vor dem Haus spielen.

Doch am Abend zeigte sich, daß diese Ziege wieder im Garten war. Sie hatte das Tor einfach übersprungen und sich dann an allen Pflanzen gütlich getan. Jedes Gemüse hatte sie angebissen und an jedem Baum genagt. Sie hatte Pflanzen aus der Erde gerupft und sie zum Verdorren liegengelassen. Und sie hatte den Brunnen verunreinigt.

Der Teppichhändler kehrte am Abend von seiner Arbeit zurück und sah seine staubbedeckten Kinder. Er wußte, warum sie nicht in den Garten zum Spielen gehen durften, doch er sah darüber hinweg.

Erst als er sich an den Tisch setzte und kein frisches Wasser im Krug war, fragte er seine Frau: „Was ist geschehen?“ Seine kluge Frau aber sagte nichts, nahm ihn bei der Hand und führte ihn hinaus zum Garten. Dort war die Ziege noch immer dabei, Rinde von den Bäumen abzuziehen und den Brunnen zu verunreinigen.

`So also dankt sie mir mein großzügiges Wesen´, dachte er im Stillen. Dann nahm er die Ziege und ging mit ihr zu seiner Mutter und gab sie zurück, mit den Worten, „ein Geschenk, das mir den Garten zerstört, ist kein Geschenk.“

Und ging nach Haus, um seinen Garten wieder  herzurichten. Und sprach kein einziges Wort dabei.

Der Teppichhändler und seine kluge Frau

Es war vor so langer Zeit, daß nur die Berge sich daran erinnern können – und auch die Berge können Dinge  vergessen…

Der König aller Dschinns rief seine Untertanen zu sich in die verborgene, tief im Fels liegende Festung. Alle Dschinns sollten die Menschen plagen. Denn es war ihm ein Greuel, wie sich die Menschen benahmen und miteinander lebten. Sie waren fröhlich bei der Arbeit, fröhlich beim Feiern und fröhlich im Umgang miteinander. Die Alten waren freundlich und geduldig zu den Jungen, und die Jungen waren respektvoll und geduldig zu den Alten. Die Männer waren liebevoll zu ihren Kindern und ihren Frauen, und die Frauen waren wie die Morgensonne, die sanft und hell, warm und erheiternd über alles strahlt. 

Denn nur die Morgensonne ist so freundlich, am Mittag hingegen konnte die Sonne mörderisch sein, und so manches vorwitzige Tier, das sich dann nicht nach Hause und in den Schatten fand, lernte den Durst zu schmecken, der den Körper dürr macht und das Leben vergehen läßt mit jedem glühenden Atemzug.

Ein junger Teppichhändler lebte zu dieser Zeit mit seiner jungen Frau, und sein Handel war wohl nicht der Größte, aber er bot ein Auskommen. Und seine Frau war eine Zierde für das Haus, denn sie kümmerte sich nicht nur um den kleinen Garten und das Haus selbst, sondern sie war außergewöhnlich. Das kam, weil ihre Urgroßmutter mit einem der kleinen Luftgeister verwandt gewesen war. Das aber war ein Familiengeheimnis. Und doch waren es ihre zauberhafte Leichtigkeit und ihr Anmut im Umgang mit den Worten gewesen, welche ihr Mann bewundernswürdig fesselnd fand, so daß er sich in sie verliebte.

Ein Dschinn nun erkor sich das Haus des Teppichhändlers zum Ziel und wollte für Zerstörung und Verderben sorgen. Es war kein kleiner Dschinn. Dieser Dschinn wußte, wie man Unfrieden und Zweifel sät und Haß und Zerstörung erntet.

Als erstes versuchte er es als Insekt. Er schwirrte in das Haus hinein und fand den Milchkrug. Er wollte die Milch beschmutzen und den Menschen verleiden. Doch die kluge Frau hatte ein sauberes Tuch über den Milchkrug gedeckt. Da dachte sich der Dschinn, daß er die Menschen im Schlaf peinigen könnte. Doch auch das Bett war mit einem Tuch, leichter noch als Morgennebel, geschützt. Mit einem zornigen Summen stürzte sich der Dschinn wieder und wieder auf die Barriere, und konnte doch nichts erreichen. Müde und schlecht gelaunt mußte er sich zur Ruhe begeben, um Kraft für den neuen Tag zu schöpfen.

Es hatte der Teppichhändler aber eine Schwester, die hatte ihn von Kind an aufgezogen. Sie hatte ihn ernährt und gekleidet, als er noch Kind war, und sie kam ihn häufig besuchen. 

Der Dschinn erwachte am nächsten Morgen schlecht gelaunt und verwandelte sich in eine Maus. Er wollte als Maus die Vorräte angreifen, doch als er sich in die Vorratsecke geschlichen hatte, mußte er sehen, daß alles Korn und Getreide in Krügen verwahrt wurde, und diese waren mit festen Stopfen versehen. So sehr er sich auch abmühte, er konnte sie nicht öffnen. Er wollte sie umwerfen, doch dazu reichten die Kräfte nicht. Und so mußte er sich am Abend wieder unverrichteter Dinge zur Ruhe begeben, um neue Kräfte zu schöpfen. Doch um der Frau zu zeigen, daß sie sich ängstigen soll, legte er ihr einige Exkremente ins Haus vor die Schwelle. Doch die Frau ließ sich nicht schrecken und fegte den ganzen Dreck einfach vor die Tür.

Am nächsten Tag dachte er sich, daß er es anders anfangen müßte. Er würde die Frau dazu bringen, ihn selbst ins Haus zu bitten, und fortan würde er im Haus seine Werke vollbringen. So verwandelte er sich in eine Katze. Die Frau aber hatte scharfe Augen und sprach, als der Dschinn sich auf ihre Schwelle niederlegte: „Nein, lieber Freund, hier ist kein Platz für dich, denn du bist ein wohlgenährter Kater. Du bist kein Mäusefänger, du gehörst in einen reichen Haushalt, und ich werde dich zum Reichsten hier im Dorfe bringen. Dort wirst du es gut haben, hier aber müßtest du für dein Essen viel arbeiten, und das würde dir wohl nicht gefallen.“ Und sie brachte den Dschinn zum Haus des Reichen, und es waren alle dort von diesem schönen Kater entzückt.

In dem Dschinn aber wuchs der Zorn, denn er hatte nichts erreicht. Die Frauen im Haus des Reichen aber ließen ihm keine Ruhe, so daß er den ganzen Tag mit ihnen spielen mußte, und sie lachten dazu und klatschten in ihre Hände.

Am Abend sank er gänzlich erschöpft und mutlos auf seine Seidenkissen, denn es sollte ihm im Hause des Reichen wirklich an nichts fehlen. Am nächsten Morgen noch vor dem Sonnenaufgang wollte er sich in einen Käfer verwandeln, um zurück zum Haus des Teppichhändlers zu laufen. Doch die Frauen des Reichen weckten ihn und wollten weiter mit dem Kater spielen. Sie verwöhnten ihn mit Leckerbissen und süßem Scherbet, so daß er ganz zahm wurde und seine Ziele vergaß. Er lebte tagein, tagaus mit den Freuden des Reichtums und wurde immer dicker.

Der König aller Dschinns jedoch verlangte, daß seine Wünsche erfüllt würden, und er sandte dem faul gewordenen Dschinn einen Quälgeist. Der Quälgeist würde dem faulen Kater zusetzen, damit er seine Pflichten nicht vergäße.

Der Quälgeist kam als Floh und setzte sich dem Kater in den Pelz. Er biß und kratzte den ungetreuen Dschinn, bis dieser heulend und kreischend aus dem Haus rannte. Und auch auf der Straße ließ der Floh nicht von ihm ab, so sehr sich der Kater auch im Staub wälzte und jammerte.

Um dem Quälgeist endlich zu entgehen, verwandelte er sich in eine kleine Wanze. Weil er aber so viele süße Dinge gegessen hatte im Haus der Reichen, war er eine süß duftende kleine Wanze. Und als er so lief, kam die Schwester des Teppichhändlers des Wegs. Flugs krabbelte er an ihr empor und versteckte sich an ihrem Nacken, hinter ihren vielen kleinen Zöpfen. Die Schwester wollte zu ihrem Bruder, dem Teppichhändler gehen. 

Gemeinsam saßen sie am Tisch, um das Abendessen zu nehmen. „Du riechst heute besonders gut, liebe Schwester,“ sagte der Teppichhändler. Seine Frau aber schnupperte mißtrauisch, doch sie sagte nichts. „Ich möchte mir noch etwas aus dem Milchkrug nehmen,“ sagte die Schwester und hob das Tuch vom Milchkrug. Der Dschinn krabbelte etwas hinter ihrem Ohr hervor und nieste in den Krug, so daß die Milch schnell verderben würde.

Dann seufzte die Schwester, daß sie müde sei. „Ja, liebe Schwester, geh nur zu unserem Bett und ruhe dich dort ein wenig aus,“ sagte der Teppichhändler freundlich. Sie tat es gleich, legte sich unter das Tuch und breitete die Decken über sich aus. Da kam der Dschinn schnell hervor und legte in das Bettzeug viele, viele kleine Wanzeneier, um eine Plage über die Menschen zu bringen, die dort nachts schlafen wollten. Denn wenn die kleinen Wanzen schlüpfen, dann sind sie durstig, und sie trinken nur frisches Blut. Die Menschen aber werden sich kratzen müssen, weil die Wanzenbisse schrecklich jucken und krabbeln und die Menschen peinigen.

Die kluge Frau aber hatte nun nach dem Milchkrug gesehen und entdeckt, daß die Milch geronnen war. Schnell heizte sie den Backofen an und nahm Mehl. Und aus der gesäuerten Milch stellte sie einen besonders lockeren Brotteig her, der im Ofen backen sollte.

Als nun die Schwester ausgeruht vom Bett zurückkam, ging die kluge Frau hinzu und nahm die ganzen Bettücher, die Matratzen und alle Kissen vom Bett und ging hinter das Haus, um sie kräftig auszuklopfen. Dem Mann war das gar nicht recht, und er schalt seine Frau, „wenn meine Schwester in meinem Bett schläft, so mußt du doch nicht das ganze Bett auseinanderreißen, als ob sie einen bösen Geist mitgebracht hätte!“, und seine Schwester nickte beifällig dazu.

Das wollte sich der Dschinn nicht entgehen lassen, und er lugte hinter dem Ohr der Schwester hervor. Da erspähte ihn die Frau, deren Urgroßmutter mit einem Luftgeist verwandt gewesen war, so daß sie vielerlei Taltente besaß, über die man nicht laut reden muß. „Anpacken muß man,“ sagte sie laut und griff hinter das Ohr der Schwester, packte zu, und hatte den Dschinn in der Hand.

„Nein, du böser Geist, dies hier ist dein Haus nicht, es ist mein Haus. Wer in mein Haus kommt, der zeigt Höflichkeit und Respekt und verdirbt nicht die Milch und steckt keine Wanzen in mein Bett. Mach, daß du fortkommst, böser Geist, und laß dich hier nicht wieder sehen!“ So spach sie und warf den Dschinn vor die Tür, kehrte mit dem Besen noch etwas nach und klatschte in die Hände.

„Und nun kommt, ihr zwei, wir können heute noch einen fröhlichen Abend miteinander haben,“ so rief sie fröhlich zu ihrem Mann und seiner Schwester. Auch das Brot im Ofen war nun gar. Und das Bett füllten sie auch wieder mit den sauberen Matratzen, Tüchern und Kissen. Der Teppichhändler freute sich über seine kluge Frau. „Wohl gesprochen, meine liebe Frau!“ sagte er glücklich.

Ob sich der König aller Dschinns freuen konnte, das ist nicht überliefert.


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