Posts Tagged 'Tiermärchen'

Freunde?

Ich sitze auf meiner Beute und rupfe ihr die Federn systematisch aus. Es war eine hübsche Taube, als sie noch lebte. Doch ich muß auch von etwas leben. Nicht weit von mir streunt eine zerzauste Katze durch das Gras. Sie miaut kläglich.
Vielleicht sollte ich ihr einen kleinen Teil meiner Beute überlassen, überlege ich.
Sie schaut mich freundlich an. Ich überlege noch immer. Sie könnte mein Freund sein.

Hinter mir raschelt es. Bevor ich sehen kann, was los ist, liege ich im Gras. Ein Gewusel aus Katzen macht sich über meine Beute her. Die zerzauste Katze kommt näher und sagt mir ins Gesicht: „Was du nicht festhalten kannst, gehört dir nicht, mein Kleiner. Hat Dir das noch niemand verraten? Gegen mich und meine Kinderschar hast du keine Chance  – flieg schnell weg.“

Die Taube war nur eine kleine Beute. Vielleicht hätte ich sie ihnen überlassen, wenn sie doch so hungrig sind. Ich kann leicht größere Beute schlagen. Diese hier sind nicht meine Freunde.

„Sag mir deinen Namen“, bitte ich die Katze, „damit ich weiß, wem ich nicht trauen darf…“

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Das ist der Preis

Jeder hat seinen Preis, so behaupten es viele. Mag stimmen, und mein Preis ist der Schmerz. Da hinten sehe ich sie wieder. Sie hocken beisammen und jammern und weinen.
Ich weiß, daß die nächste SAISON schon bald kommen wird. Ich fühle es in den Beinen…
Ich versuchte schon oft, ihnen zu zeigen, daß man Wissen haben muß und Können. Wer es nicht hat, kommt nicht durch die SAISON. Ich lernte dies von einem alten Hasen, der friedlich in einem hohen Alter entschlief, zwischen den SAISONS.
Er zeigte mir, wie man durchkommt. Er zeigte mir, welche gefährlichen Ecken man meiden muß. Und er zeigte mir, wie man kritische Punkte erkennt.
Ohne Wissen keine Chance, war sein Leitmotiv.
Ich war ein guter Schüler. Sein bester, vermutlich.
Ich jammere nicht mit den anderen, und sie verachten mich dafür. Ich schließe mich aus. Ich bin hochmütig. Ich bin sicher krank.
Da hocken sie schon wieder beieinander und beklagen ihr Schicksal und das der armen Opfer.
Ich fühle die nächste SAISON herannahen. Ich fühle es in meinen Beinen. Es ist ein schwaches Summen, das sich bald verstärken wird. Ich sehe die Zeichen und möchte sie warnen, doch sie wünschen zu klagen. Sie wollen mich nicht.
Sie hören nicht zu. Sie sagen, daß das schon immer so war. Und daß es so richtig ist. Sie werden nicht durch die SAISON kommen.
Ich weiß es.
Mein Preis ist der Schmerz.
Ich höre die Hunde schon bellen.
Ich spitze die Löffel und bleibe wach.
Ich bin ein Hase. Ich komme auch über diese SAISON, ich kann es.
Diese hier werde ich nicht wiedersehen. Es schmerzt.
Das ist der Preis.

Die entzückende kleine Fee

auf dem Rücken
klagend
eines Singvogels
wo nur wo sind sie meine Lieben
wie sie mir fehlen
meine reizenden Schnecken
wo ziehen sie ihre lieblichen
Schleimspuren nun?

Vom Fischer und seiner Frau

Viel habe ich auf meinen Wanderungen gesehen. Größere und kleinere Wunder und ebenso ganz banale Dinge.

Nicht alles ist für jedermanns Augen bestimmt und nicht alles für jedes Ohr. Und hier erzähle ich euch nun die Geschichte von dem Fischer und seiner Frau, doch ob eure Kinder sie mit anhören sollen, das müßt ihr selbst entscheiden.

Ich habe nichts dagegen, aber sie sollen stille sein, so lange ich spreche. Und ihre Fragen sollen sie euch erst danach stellen, wenn ich fertig bin.

So traf ich an der Meeresküste einen Fischer und seine Frau. Es ist kein leichtes Leben, das ein Fischer hat, wenn er mit seinem Boot hinausfährt, um die Fische mit seinem Netz zu fangen. Es ist eine schwere Arbeit, die vollen nassen Netze einzuholen, doch noch schwerer ist es, die leeren nassen Netze einzuholen, wenn er nichts gefangen hat. Er kann in einen Sturm geraten, und sein Boot kann beschädigt werden. Es kann sinken, und der Fischer kann mit seinem Boot untergehen.

Für seine Frau ist das Leben kaum leichter. Sie muß die Fische verkaufen, entweder an den Händler mit seinem großen Fischkarren oder auf dem Markt am Stand. Sie muß die Netze flicken, wenn Löcher hineingerissen wurden. Und sie muß fürchten, daß ihr Mann von einer Fahrt nicht zurückkommt.

Nein, es ist kein leichtes Leben. Doch es ist besser als kein Leben, so sehen es dort die Leute und dachten nie daran, von ihrer Heimat fortzugehen.

Nun kam es, daß ein Fischer wochenlang erfolglos blieb. Keine Fische im Netz – kein Brot auf dem Tisch. Das Gesicht des Fischers wurde grau vor Gram, und das seiner Frau ebenso.

Als er einmal wieder sein Netz einholte, so schien ihm, er hätte wieder nichts gefangen. Zu leicht war das Fischnetz, das er aus dem Wasser zog. Doch dann, als er es im Boot hatte, sah er, daß er doch etwas gefangen hatte. Es war ein einziger Fisch!

Doch was für ein Fisch! Ein großer Fisch, nein – ein riesiger Fisch! Zehn Mal so groß wie die Fische, die er sonst so fing. Und bunt war der Fisch, in den Farben des Regenbogens gefärbt, und sie glänzten und schillerten, daß ihm schier die Augen übergingen. Und wie er so den sonderlichen und doch so prächtigen Fang anglotzte, tat der Fisch sein Mäulchen auf und sprach zu ihm.

„Guter Mann“, sagte ihm der Fisch, „bitte wirf mich zurück ins Wasser!“ Der Fischer kratzte sich am Kopf. Einen sprechenden Fisch hatte er noch nie gesehen. Aber auf seinen ersten Fang nach Wochen verzichten? Nein, das hatte er gewiß nicht vor. Er drehte sich um,steckte den Fisch in die Fangkiste, um nun das Netz erneut im Meer zu versenken. Wo ein Fisch war, konnte recht gut noch ein zweiter Fisch sein.  Das würde wenigstens für ein Abendessen reichen.

„Bitte“, schrie der Fisch aus der Fangkiste, „laß mich frei, und ich werde dich reich belohnen! Was Du dir wünschst, ich kann es dir erfüllen!“ So bettelte der Fisch um sein Leben.

Das fand der Fischer dann doch interessant. Er drehte sich zu der Fangkiste um und blickte den Fisch fragend an. „Ich bin der König der Fische, und ich kann meinen Untertanen befehlen, sich in deine Netze zu begeben“, erklärte der Fisch.

Der Fischer brummte nur. „Meine Fische hab ich mein Lebtag selbst gefangen, und von einer kleinen Flaute laß ich mir nicht bange machen. Dich habe ich doch auch ins Netz gekriegt.“

„Was wünschst du dir sonst, guter Mann?“ fragte ihn der König der Fische. „Ich kann dir wirklich jeden Wunsch erfüllen, Reichtum, Glück oder eine hohe Stellung am Hofe Eures Königs. Denn ich besitze wunderbare Kräfte, die ich für dich einsetzen werde.“ So sprach er.

„Woll, woll,“ brummte der Fischer wieder, „aber eine Stellung am Hofe des Königs will ich nicht. Was sollte ich dort auch sein, gepudert und bezopft, vielleicht der erste Fischer des Königs? Das behagt mir nicht.“

„Oder willst du vielleicht ein reiches Gut dein Eigen nennen, ein schönes Haus und Ländereien noch dazu?“ fragte der Fisch.

„Woll, woll, das könnte ich mir schon vorstellen“, antwortete der Fischer. „Aber kann ich dann noch immer mit dem Boot hinausfahren, um meine Fische zu fangen?“

„Das kannst du, denn du bist dann der Herr, und du bestimmst, was ein jeder des Gesindes tun muß.“ sagte der Fisch.

„Und könnte ich dann eine riesige Truhe haben, zweimal so groß wie mein Fangkasten hier auf dem Boot, und voller Goldstücke, die nie alle werden dürften?“ fragte der Fischer.

„Natürlich kannst du eine große Kiste voller Goldstücke haben, und diese sollen niemals versiegen, das verspreche ich dir, „antwortete der Fisch.

Der Fischer kratzte sich wieder am Kopf. Er überlegte. „Ich könnte also Gutsherr sein, mit herrlichen Rössern, mit einem großen schönen Haus, mit einer Truhe mit nie versiegenden Goldstücken?“

„O ja, mit einem ganzen Stall voll der wunderschönsten Pferde, die du dir nur vorstellen kannst. Du brauchst es dir nur zu wünschen“, versprach der Fisch.

„Ich könnte dann ja auch eine ganze Anzahl von Gesinde haben, die meiner Frau zur Hand gehen müssen, viele Mägde, die das Haus und den Garten besorgen und ihr die Arbeit leicht und gering machen müßten…“ sinnierte der Fischer halblaut vor sich hin.

„Mägde und Knechte, die alle Arbeit erledigen, die du nur wünschst“ erwiderte der Fisch eilig, „nur wirf mich schnell ins Wasser, damit ich die Dinge für dich erledigen kann.“

„Und statt meiner zänkischen Alten“, so fragte der Fischer den Fisch ganz direkt, „könnte ich statt dieser griesgrämigen Frau nicht eine junge und hübsche, ganz frohgelaunte Frau haben?“

„Gut, daß du mich danach gefragt hast“sagte der Fisch, „ich kann Deine Frau verjüngen, so wie sie früher einmal war. Oder ich kann dir eine andere hübsche junge Frau an ihrer Stelle versorgen. Aber schnell sollst du dich entscheiden, denn ich muß dringend ins Wasser zurück, die Trockenheit ist nicht mein Element“, drängte der Fisch den Fischer. „Ich muß jetzt wirklich gleich zurück ins Wasser, sonst erleide ich einen Schaden!“

Doch der Fischer konnte sich einfach nicht entscheiden. Er blickte gedankenverloren aufs Meer hinaus. Wollte er nun eine neue junge Frau – oder wollte er seine Alte verjüngt zurück haben? Er grübelte und grübelte, und als er endlich meinte, eine Lösung gefunden zu haben, drehte er sich wieder zu dem Fisch um. Er wollte dem Fisch gerade sagen, daß er beide Frauen nehmen wollte, die verjüngte alte, an die er sich doch schon so gut gewöhnt hatte, und auch die neue, die sicher einige aufregende Dinge zu bieten hätte.

Da sah er, daß der Fisch in der Kiste seinen letzten Atemzug getan hatte. Und nun, als toter Fisch, erschien er ihm auch nicht mehr besonders groß und auch nicht mehr besonders bunt auszusehen. Eben ein Fisch, vielleicht war es ein Kabeljau, oder aber ein Dorsch, ich weiß es nicht.

„Na, sowas“, brummte er in sich hinein und warf das Netz aufs neue aus. Beim nächsten Einholen zog er reichen Fang an Bord, und seine Laune wurde wieder frischer.

Als er mit seinem Fang dann am Abend an Land kam, begrüßte ihn seine Alte wie immer. „Na, Fischer, wie war dein Tag denn so?“ fragte sie ihn. „Och, man bloß so“, murmelte er und überlegte, ob er nicht doch besser auf den Fisch gehört hätte, und ihn nicht besser rechtzeitig über Bord geworfen hätte.

Aber vielleicht war es ja doch besser, seiner Frau nichts davon zu erzählen…

Ich muß essen!

Ich habe Hunger. Ich muß essen! Ich muß jagen gehen.

Ich erhebe mich von meinem Sitz auf diesem Ast und starte. Ich steige zum Himmel auf und blicke mich erst einmal um.

Eine Möwe fliegt weit unter mir, ich sehe sie ganz klar und deutlich. Sogar ihre Augen kann ich erkennen. Sie sieht mich nicht.

Ich lege die Flügel an und lasse mich stürzen. Meine Geschwindigkeit steigt rasant. Ich lasse mich direkt auf den Rücken der Möwe fallen, die mich nun doch bemerkt hat. Aber ich stürze wie ein Felsbrocken auf ihren Rücken und habe die Fänge schon in sie eingeschlagen. Ich lasse mich mit meiner Beute noch ein ganzes Stück tiefer fallen, ehe ich meine Flügel ausbreite und den Sturz abfange.

Es ist ein Kinderspiel. Die Möwe war schnell tot. Ich rupfe an ihrem Gefieder und stille meinen Hunger. Das Essen werde ich noch etwas üben müssen. Fliegen und Schlagen gingen leichter.

Und vor diesen Möwen habe ich mich mal gefürchtet.

Ich bin ein Falke geworden. Jetzt weiß ich es genau. Ich säubere meinen Schnabel, indem ich ihn an Gras und Erde reibe. Ich betrachte meine Klauen. Ich kann es!

Ich muß allein sein

Schmelz hat mich besucht. Schmelz wollte, daß ich zurückkehre zur Kolonie. Doch ich will nicht. „Es war doch immer gut dort, dir hat es doch gefallen“, meinte Schmelz enttäuscht.

Es ist wahr. Es war gut dort für mich. Und jetzt? Ich passe nicht mehr dorthin. Ich fühle es. Dabei würden mich die Seeschwalben sicher wieder freundlich aufnehmen. Und versuchen, für mich eine passende Unterkunft zu finden, denn ich bin zu groß für ihre Nester.

Schmelz hat noch eine Weile gebettelt, aber ich konnte mich nicht überwinden. Da wurde Schmelz wütend und schrie mich an: „Du bist ein Klotz mit einem steinernen Herzen, weißt du das nicht? Ich bin nicht nur dein Freund, ich will eine Familie gründen, und zwar mit dir! Das ist aber eine ganz sinnlose Idee, denn du kennst wohl kein lebendes Wesen außer dir selbst. Hast du dich je gefragt, was ICH fühle? Hast du überhaupt Gefühle?“ 

Schrie es, und flog fort. Ich saß ganz verwirrt auf meinem zerzausten Ast, meinem Lieblingsplatz. Ich wußte gar nicht, daß Schmelz ein Mädchen ist…

Des Teppichhändlers Ziege

Es hatte die Familie eines Teppichhändlers einen schönen Obst- und Gemüsegarten und eine kleine Ziegenherde. Den Garten, um immer frisches Obst und Gemüse für den Familientisch zu haben, und die Ziegenherde für frische, gute Milch und manchmal einen kleinen Braten.

Und es war der Ziegenherde streng verboten, den Garten zu betreten. Denn für die Ziegen ist die Weide, und der Garten ist für die Menschen gedacht. Und so lebte die Familie vergnügt und fröhlich, und die Ziegen waren auf der Weide, und die Kinder spielten im Garten.

Es war aber eine Milchziege, an der hing das Herz des Teppichhändlers ganz besonders. Sie war ihm von seiner Mutter anvertraut worden, denn sie hatte immer gute Milch gegeben. Nun liebte diese Ziege aber das Obst und das Gemüse zu sehr, und die Frau hatte sie schon mehrmals aus dem Garten hinausführen müssen.

„Wir müssen die Ziege draußen halten, vielleicht festbinden“, sagte die Frau zu ihrem Mann, dem Teppichhändler. „Sie frißt im Garten, was sie nur erlangen kann, und was sie nicht fressen kann, das zertritt sie. So geht das nicht weiter, der Garten sieht schon recht zerschunden aus.“

„Wo denkst du hin“, antwortete der Mann. „Diese Ziege ward mir übergeben mit den Worten, ich solle sie wie ein Kleinod behandeln. Und das tu ich auch.“ So sprach der Teppichhändler.

Die Frau seufzte, sagte aber nichts. Am nächsten Tag schloß sie das Tor zum Garten sorgfältig und verbot ihren Kindern, dieses Tor zu öffnen. Nun konnten die Kinder den Garten nicht mehr betreten und mußten in der Hitze und im Staub vor dem Haus spielen.

Doch am Abend zeigte sich, daß diese Ziege wieder im Garten war. Sie hatte das Tor einfach übersprungen und sich dann an allen Pflanzen gütlich getan. Jedes Gemüse hatte sie angebissen und an jedem Baum genagt. Sie hatte Pflanzen aus der Erde gerupft und sie zum Verdorren liegengelassen. Und sie hatte den Brunnen verunreinigt.

Der Teppichhändler kehrte am Abend von seiner Arbeit zurück und sah seine staubbedeckten Kinder. Er wußte, warum sie nicht in den Garten zum Spielen gehen durften, doch er sah darüber hinweg.

Erst als er sich an den Tisch setzte und kein frisches Wasser im Krug war, fragte er seine Frau: „Was ist geschehen?“ Seine kluge Frau aber sagte nichts, nahm ihn bei der Hand und führte ihn hinaus zum Garten. Dort war die Ziege noch immer dabei, Rinde von den Bäumen abzuziehen und den Brunnen zu verunreinigen.

`So also dankt sie mir mein großzügiges Wesen´, dachte er im Stillen. Dann nahm er die Ziege und ging mit ihr zu seiner Mutter und gab sie zurück, mit den Worten, „ein Geschenk, das mir den Garten zerstört, ist kein Geschenk.“

Und ging nach Haus, um seinen Garten wieder  herzurichten. Und sprach kein einziges Wort dabei.


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