Jahresende

Kristall

klar

kalt.

Fällt

schwebt

tanzt

ermattet

ruht.

Brennt

schneidend heiß.

Winter kommt

Glitzernder Hauch

- eiskalt – zart auf letzter Rosenknospe.

In diesem Jahr.

Herbst

Regennasses Moos.
Graue Halme.

Sonne wirft Gold über sie -
nur einen kurzen Augenblick.

Der Himmel lächelt.
Tränen im Auge.

Dies ist der Sommer…

Sonne.
Wärme.
Mein alter Hund, der seinen letzten Sommer hat.

Ein freundlicher Blick in der Stille. Verstehen.
Nutzen wir die Zeit.
Ich kraule ihm die Ohren.

Vom Fischer und seiner Frau

Viel habe ich auf meinen Wanderungen gesehen. Größere und kleinere Wunder und ebenso ganz banale Dinge.

Nicht alles ist für jedermanns Augen bestimmt und nicht alles für jedes Ohr. Und hier erzähle ich euch nun die Geschichte von dem Fischer und seiner Frau, doch ob eure Kinder sie mit anhören sollen, das müßt ihr selbst entscheiden.

Ich habe nichts dagegen, aber sie sollen stille sein, so lange ich spreche. Und ihre Fragen sollen sie euch erst danach stellen, wenn ich fertig bin.

So traf ich an der Meeresküste einen Fischer und seine Frau. Es ist kein leichtes Leben, das ein Fischer hat, wenn er mit seinem Boot hinausfährt, um die Fische mit seinem Netz zu fangen. Es ist eine schwere Arbeit, die vollen nassen Netze einzuholen, doch noch schwerer ist es, die leeren nassen Netze einzuholen, wenn er nichts gefangen hat. Er kann in einen Sturm geraten, und sein Boot kann beschädigt werden. Es kann sinken, und der Fischer kann mit seinem Boot untergehen.

Für seine Frau ist das Leben kaum leichter. Sie muß die Fische verkaufen, entweder an den Händler mit seinem großen Fischkarren oder auf dem Markt am Stand. Sie muß die Netze flicken, wenn Löcher hineingerissen wurden. Und sie muß fürchten, daß ihr Mann von einer Fahrt nicht zurückkommt.

Nein, es ist kein leichtes Leben. Doch es ist besser als kein Leben, so sehen es dort die Leute und dachten nie daran, von ihrer Heimat fortzugehen.

Nun kam es, daß ein Fischer wochenlang erfolglos blieb. Keine Fische im Netz – kein Brot auf dem Tisch. Das Gesicht des Fischers wurde grau vor Gram, und das seiner Frau ebenso.

Als er einmal wieder sein Netz einholte, so schien ihm, er hätte wieder nichts gefangen. Zu leicht war das Fischnetz, das er aus dem Wasser zog. Doch dann, als er es im Boot hatte, sah er, daß er doch etwas gefangen hatte. Es war ein einziger Fisch!

Doch was für ein Fisch! Ein großer Fisch, nein – ein riesiger Fisch! Zehn Mal so groß wie die Fische, die er sonst so fing. Und bunt war der Fisch, in den Farben des Regenbogens gefärbt, und sie glänzten und schillerten, daß ihm schier die Augen übergingen. Und wie er so den sonderlichen und doch so prächtigen Fang anglotzte, tat der Fisch sein Mäulchen auf und sprach zu ihm.

“Guter Mann”, sagte ihm der Fisch, “bitte wirf mich zurück ins Wasser!” Der Fischer kratzte sich am Kopf. Einen sprechenden Fisch hatte er noch nie gesehen. Aber auf seinen ersten Fang nach Wochen verzichten? Nein, das hatte er gewiß nicht vor. Er drehte sich um,steckte den Fisch in die Fangkiste, um nun das Netz erneut im Meer zu versenken. Wo ein Fisch war, konnte recht gut noch ein zweiter Fisch sein.  Das würde wenigstens für ein Abendessen reichen.

“Bitte”, schrie der Fisch aus der Fangkiste, “laß mich frei, und ich werde dich reich belohnen! Was Du dir wünschst, ich kann es dir erfüllen!” So bettelte der Fisch um sein Leben.

Das fand der Fischer dann doch interessant. Er drehte sich zu der Fangkiste um und blickte den Fisch fragend an. “Ich bin der König der Fische, und ich kann meinen Untertanen befehlen, sich in deine Netze zu begeben”, erklärte der Fisch.

Der Fischer brummte nur. “Meine Fische hab ich mein Lebtag selbst gefangen, und von einer kleinen Flaute laß ich mir nicht bange machen. Dich habe ich doch auch ins Netz gekriegt.”

“Was wünschst du dir sonst, guter Mann?” fragte ihn der König der Fische. “Ich kann dir wirklich jeden Wunsch erfüllen, Reichtum, Glück oder eine hohe Stellung am Hofe Eures Königs. Denn ich besitze wunderbare Kräfte, die ich für dich einsetzen werde.” So sprach er.

“Woll, woll,” brummte der Fischer wieder, “aber eine Stellung am Hofe des Königs will ich nicht. Was sollte ich dort auch sein, gepudert und bezopft, vielleicht der erste Fischer des Königs? Das behagt mir nicht.”

“Oder willst du vielleicht ein reiches Gut dein Eigen nennen, ein schönes Haus und Ländereien noch dazu?” fragte der Fisch.

“Woll, woll, das könnte ich mir schon vorstellen”, antwortete der Fischer. “Aber kann ich dann noch immer mit dem Boot hinausfahren, um meine Fische zu fangen?”

“Das kannst du, denn du bist dann der Herr, und du bestimmst, was ein jeder des Gesindes tun muß.” sagte der Fisch.

“Und könnte ich dann eine riesige Truhe haben, zweimal so groß wie mein Fangkasten hier auf dem Boot, und voller Goldstücke, die nie alle werden dürften?” fragte der Fischer.

“Natürlich kannst du eine große Kiste voller Goldstücke haben, und diese sollen niemals versiegen, das verspreche ich dir, “antwortete der Fisch.

Der Fischer kratzte sich wieder am Kopf. Er überlegte. “Ich könnte also Gutsherr sein, mit herrlichen Rössern, mit einem großen schönen Haus, mit einer Truhe mit nie versiegenden Goldstücken?”

“O ja, mit einem ganzen Stall voll der wunderschönsten Pferde, die du dir nur vorstellen kannst. Du brauchst es dir nur zu wünschen”, versprach der Fisch.

“Ich könnte dann ja auch eine ganze Anzahl von Gesinde haben, die meiner Frau zur Hand gehen müssen, viele Mägde, die das Haus und den Garten besorgen und ihr die Arbeit leicht und gering machen müßten…” sinnierte der Fischer halblaut vor sich hin.

“Mägde und Knechte, die alle Arbeit erledigen, die du nur wünschst” erwiderte der Fisch eilig, “nur wirf mich schnell ins Wasser, damit ich die Dinge für dich erledigen kann.”

“Und statt meiner zänkischen Alten”, so fragte der Fischer den Fisch ganz direkt, “könnte ich statt dieser griesgrämigen Frau nicht eine junge und hübsche, ganz frohgelaunte Frau haben?”

“Gut, daß du mich danach gefragt hast”sagte der Fisch, “ich kann Deine Frau verjüngen, so wie sie früher einmal war. Oder ich kann dir eine andere hübsche junge Frau an ihrer Stelle versorgen. Aber schnell sollst du dich entscheiden, denn ich muß dringend ins Wasser zurück, die Trockenheit ist nicht mein Element”, drängte der Fisch den Fischer. “Ich muß jetzt wirklich gleich zurück ins Wasser, sonst erleide ich einen Schaden!”

Doch der Fischer konnte sich einfach nicht entscheiden. Er blickte gedankenverloren aufs Meer hinaus. Wollte er nun eine neue junge Frau – oder wollte er seine Alte verjüngt zurück haben? Er grübelte und grübelte, und als er endlich meinte, eine Lösung gefunden zu haben, drehte er sich wieder zu dem Fisch um. Er wollte dem Fisch gerade sagen, daß er beide Frauen nehmen wollte, die verjüngte alte, an die er sich doch schon so gut gewöhnt hatte, und auch die neue, die sicher einige aufregende Dinge zu bieten hätte.

Da sah er, daß der Fisch in der Kiste seinen letzten Atemzug getan hatte. Und nun, als toter Fisch, erschien er ihm auch nicht mehr besonders groß und auch nicht mehr besonders bunt auszusehen. Eben ein Fisch, vielleicht war es ein Kabeljau, oder aber ein Dorsch, ich weiß es nicht.

“Na, sowas”, brummte er in sich hinein und warf das Netz aufs neue aus. Beim nächsten Einholen zog er reichen Fang an Bord, und seine Laune wurde wieder frischer.

Als er mit seinem Fang dann am Abend an Land kam, begrüßte ihn seine Alte wie immer. “Na, Fischer, wie war dein Tag denn so?” fragte sie ihn. “Och, man bloß so”, murmelte er und überlegte, ob er nicht doch besser auf den Fisch gehört hätte, und ihn nicht besser rechtzeitig über Bord geworfen hätte.

Aber vielleicht war es ja doch besser, seiner Frau nichts davon zu erzählen…

Abrahams Weib

Wo willst du hin mit dem Jungen, Abraham? Nein, du bleibst hier und gibst mir eine vernünftige Antwort!

Ich habe es satt, daß du immer nur tust, was dir so gefällt. War ich dir keine gute Ehefrau? – Ich war dir immer eine gute Ehefrau! Ich halte das Haus und die Wirtschaft am laufen, ich kümmere mich um die Lämmer und ihre Mütter, die du von der Weide mitbringst, weil sie zu schwach sind. Ich stelle alles her, was nötig ist, ich spinne die Wolle und webe die Tücher. Ich nähe die Hemden, die du dann im Gestrüpp zerreißt, wenn du einem Schaf hinterherrennen mußt, weil du deine Hunde nicht im Griff hast.

Ich dagegen habe die Hofhunde gut erzogen, kein Durchreisender wurde je von ihnen gebissen, und doch bewachen sie die Vorratshäuser. Nie wurde uns gestohlen, was wir erwirtschaftet haben. Was ich erwirtschaftet habe!

Ich nähe deine zerrissenen Hemden, ohne mich jemals beklagt zu haben. Seit dein versoffener Vater und deine versoffenen Brüder mich zu Euch ins Haus geholt haben, habe ich alles klaglos ertragen. Ich tu meine Arbeit, und ich tu sie gut. Ich bleibe freundlich zu dir, wenn du selbst zuviel des Selbstgebrauten in dich hineingeschüttet hast. Das nicht du gebraut hast, sondern ich braute es. Und mein Bier ist das Beste der ganzen Sippe. Dennoch kein Grund, über den Durst zu trinken. Doch ich beklagte mich nie, und ich half dir, wenn du nicht mehr gerade stehen konntest, und wenn du dich selbst besudelt hattest. Ich half dir beim Reinigen, und ich brachte dir frisches klares Wasser für den Durst.

Du hast keinen Grund, auch nur ein schlechtes Wort über mich zu sagen. Das mußt du doch zugeben.

Doch nun… laß mich reden. Ich weiß nicht, was du vorhast, wenn du den Jungen jetzt mitnimmst. Ich habe gehört, daß komische Gerüchte kursieren… über bösartige Riten, über Gottesanrufungen und anderes. Ich verstehe nichts von solchen Dingen. Ich bin nur ein Weib, das die Wirtschaft führt. Und ich führe sie gut.

Laß mich nur noch so viel sagen, Abraham. Bring den Jungen mit, wenn du zurück kommst. Bring ihn mit, ohne daß ihm ein Härchen gekrümmt ist. Es ist mein Sohn, und ich bestehe darauf. Ich meine das sehr ernst.

Wenn du zurückkommst ohne ihn, solltest du nicht versuchen, auch nur einen Fuß über diese Schwelle zu setzen, Abraham…

Ich bin nur ein Weib. Aber ich bin auch eine Mutter. Und ich kann dir nur das eine sagen, wäge gut ab, was du tust. Wäge es sehr gut.

Die kleinen Freuden des Lebens

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Ich muß essen!

Ich habe Hunger. Ich muß essen! Ich muß jagen gehen.

Ich erhebe mich von meinem Sitz auf diesem Ast und starte. Ich steige zum Himmel auf und blicke mich erst einmal um.

Eine Möwe fliegt weit unter mir, ich sehe sie ganz klar und deutlich. Sogar ihre Augen kann ich erkennen. Sie sieht mich nicht.

Ich lege die Flügel an und lasse mich stürzen. Meine Geschwindigkeit steigt rasant. Ich lasse mich direkt auf den Rücken der Möwe fallen, die mich nun doch bemerkt hat. Aber ich stürze wie ein Felsbrocken auf ihren Rücken und habe die Fänge schon in sie eingeschlagen. Ich lasse mich mit meiner Beute noch ein ganzes Stück tiefer fallen, ehe ich meine Flügel ausbreite und den Sturz abfange.

Es ist ein Kinderspiel. Die Möwe war schnell tot. Ich rupfe an ihrem Gefieder und stille meinen Hunger. Das Essen werde ich noch etwas üben müssen. Fliegen und Schlagen gingen leichter.

Und vor diesen Möwen habe ich mich mal gefürchtet.

Ich bin ein Falke geworden. Jetzt weiß ich es genau. Ich säubere meinen Schnabel, indem ich ihn an Gras und Erde reibe. Ich betrachte meine Klauen. Ich kann es!

Die Geschichte von der Goldenen Gans

Dies ist ein Märchen für Erwachsene. Nur für Erwachsene.

Ich erzähle sie Euch nur, weil Ihr mich drum gebeten habt. Und wenn Kinder unter Euch sind, so werden diese nicht wirklich verstehen. Dann erklärt Ihr Euren Kindern, was es damit auf sich hat – oder Ihr bringt sie jetzt gleich nach Haus und zu Bett…

Das Märchen von der Goldenen Gans hat sich genau so zugetragen, wie ich es Euch erzähle.

Draußen, am Rande des Dorfes, wo der Wald schon beginnt, stand einst eine Herberge. Sie hieß “Herberge zur Goldenen Gans”, und war eine gut geführte Wirtschaft. Die Gebäude waren in einem guten Zustand, und die Nebengebäude, die Ställe und die Scheunen, waren gut gepflegt und wohlgefüllt. Auch der Keller war in guter Verfassung und enthielt so manchen edlen Tropfen und so manchen wohlgeratenen Schinken, auch Räucherwurst und andere feine Leckereien.

Im Obergeschoß der Herberge befanden sich die Kammern für die Reisenden, mit einem guten Bett und Waschgeschirr, und im Untergeschoß war der Schankraum, des Wirtes eigenes Reich…

Es kam eines Tages ein junger Bursche in die Goldene Gans, und er war nicht nur mit Talern gut ausstaffiert, sondern auch noch von angenehmem Wuchs und hübsch. Er nahm ein gutes Zimmer in der Herberge. Seine Kutsche wurde wohl verwahrt, seine Pferde wurden gut versorgt.

Und sein Diener wurde versorgt, mit einer kleineren Kammer. Alles an diesem jungen Herrn war herrschaftlich – seine prächtige Kleidung, seine feine Kutsche, seine schönen Pferde, sein ansehnlicher Diener.

Der Wirt bemerkte sehr schnell, daß dieser junge Herr, wiewohl jung an Jahren, so doch reich an Erfahrung war, und einen guten Tropfen wohl zu schätzen wußte. Er geizte auch nicht mit seinen Talern, sondern ließ sich nur das Beste auftafeln. Sein Diener mußte ihm dann vorlegen, und auch für ihn fiel noch mancherlei des Guten ab.

Im ganzen Dorf, ja bis zur Stadt sprach sich seine Ankunft schnell herum. Der junge Herr und seine Geselligkeit wurden schnell bekannt, und die Honoratioren selbst aus der entfernt liegenden Stadt, ja selbst aus dem Schlosse, kamen herbei. Dem Wirt gefiel das gut, klingelten die Münzen doch in seinem Kasten, und häuften sich schneller als gewöhnlich.

Nie saß der junge Herr allein an seinem Tisch, und bald mußte er auch seine Rechnungen nicht mehr selbst zahlen. Zu jeder Zeit fand sich ein Gönner oder eine Gönnerin, die die Taler in des Wirtes Schatulle warfen oder dem jungen Herrn direkt in die Hand drückten.

Es fanden sich fröhlich feiernde Runden zusammen, und die Leute waren vergnügt wie lange nicht… den ganzen Sommer über herrschte ausgelassenes Treiben.

Ich betrachtete das alles aus der Ferne. Oh nein, ich bin dem Spaß und einem guten Wein nicht etwa abgeneigt, doch ich habe in meinem langen Leben schon viele Dinge gesehen. Ihr selbst wißt, was ich als Euer Feldscher und Heiler schon gesehen habe, denn Ihr alle seid schon zu mir gekommen…

Und so war es auch zu der Zeit. Irgendwann kommen sie alle. Und in dieser Geschichte kam die erste sehr schnell. Es war des Wirtes junges Töchterlein, kaum 16 Sommer zählte sie. Der Wirt selbst hätte wohl Stein und Bein geschworen, daß sie brav und unverbildet sei, daß sie nie Unrechtes täte und dergleichen mehr.

Sie kam verschämt nach Anbruch der Dunkelheit und klagte mir ihr Leid. Wie ihre Zuneigung schändlich ausgenutzt worden sei, und daß sie von der alten Dorfhexe zuvor ein Mittel gegen unerwünschte Folgen geholt hätte…

Aber gegen den Juckreiz an einer sehr privaten, sehr eigenen Stelle hatte ihr die Dorfhexe wohl nichts zu verkaufen. Sie litt.

Ihr alle kennt meine guten Künste – und meine große Verschweigenheit. Ich half ihr für das wenige Geld, das sie mir bot und blieb schweigsam. Sie hatte ihre Lektion gelernt. Sie kam nicht wieder.

Danach kamen sie mehr oder weniger alle, und manche kamen mehrmals. Die schöne Hochwohlgeborene aus dem Schloß. Der junge Kutscher. Die Bademagd. Der Barbier. Der Knecht, die Magd. Der Gärtner, der Gänsejunge. Eine Bauersfrau, eine alte Höckerin. Die Wirtin aus dem Dorf. Der Förster. Des Försters Frau. Des Barbiers Frau. Der Schmied und seine Gesellen. Schließlich auch der Wirt persönlich.

Und alle schworen sie viele Eide, sie wüßten gar nicht, und sie hätten doch nicht… und sie wären alle brave Leute. Die keiner Sünde nahe kommen.

Und sie alle brauchten meine Hilfe. Alle kauften sie meine Heilmittel, eine Salbe, aufzutragen in der Gegend, die so juckte und kratze und biß. Und sie alle hieß ich, diese Gegend vorher zu rasieren, auch die Weibsleut. Denn meine Salbe konnte nur auf glatter Haut gut wirken.

Schließlich, nach den vielen lustigen Wochen verlor der junge Herr, der im übrigen nie zu mir kam und nie um mein Mittel bat, seine gute Laune und seinen Witz. Sein Diener ebenso, und dieser kam dann doch zu mir, um mich um mein Mittel zu bitten. Wiewohl er nur ein Dienstmann war – ihm verkaufte ich mein Mittel teuer.

Am nächsten Tag war die Kutsche angespannt und Diener und Herr verschwanden aus der Wirtschaft. Das Leben wurde für alle wohl ein wenig langweiliger und weniger lustig, jedoch auch etwas leichter.

Ich blieb verschwiegen bis heute, und diese Geschichte ist jetzt wirklich lange her. Dennoch vergeßt nicht meinen guten Rat: denket daran, es fällt wohl doch auf, wie heimlich auch immer man handelt. Es bleibt nichts verborgen, das man nicht für sich behalten kann, auch wenn man schweigt.

Die Dinge sprechen für sich. Und ein böses Jucken ist nicht stumm.

Das ist meine Geschichte von der Goldenen Gans, die nicht im Verborgenen blieb.

Ich muß allein sein

Schmelz hat mich besucht. Schmelz wollte, daß ich zurückkehre zur Kolonie. Doch ich will nicht. “Es war doch immer gut dort, dir hat es doch gefallen”, meinte Schmelz enttäuscht.

Es ist wahr. Es war gut dort für mich. Und jetzt? Ich passe nicht mehr dorthin. Ich fühle es. Dabei würden mich die Seeschwalben sicher wieder freundlich aufnehmen. Und versuchen, für mich eine passende Unterkunft zu finden, denn ich bin zu groß für ihre Nester.

Schmelz hat noch eine Weile gebettelt, aber ich konnte mich nicht überwinden. Da wurde Schmelz wütend und schrie mich an: “Du bist ein Klotz mit einem steinernen Herzen, weißt du das nicht? Ich bin nicht nur dein Freund, ich will eine Familie gründen, und zwar mit dir! Das ist aber eine ganz sinnlose Idee, denn du kennst wohl kein lebendes Wesen außer dir selbst. Hast du dich je gefragt, was ICH fühle? Hast du überhaupt Gefühle?” 

Schrie es, und flog fort. Ich saß ganz verwirrt auf meinem zerzausten Ast, meinem Lieblingsplatz. Ich wußte gar nicht, daß Schmelz ein Mädchen ist…

Des Teppichhändlers Ziege

Es hatte die Familie eines Teppichhändlers einen schönen Obst- und Gemüsegarten und eine kleine Ziegenherde. Den Garten, um immer frisches Obst und Gemüse für den Familientisch zu haben, und die Ziegenherde für frische, gute Milch und manchmal einen kleinen Braten.

Und es war der Ziegenherde streng verboten, den Garten zu betreten. Denn für die Ziegen ist die Weide, und der Garten ist für die Menschen gedacht. Und so lebte die Familie vergnügt und fröhlich, und die Ziegen waren auf der Weide, und die Kinder spielten im Garten.

Es war aber eine Milchziege, an der hing das Herz des Teppichhändlers ganz besonders. Sie war ihm von seiner Mutter anvertraut worden, denn sie hatte immer gute Milch gegeben. Nun liebte diese Ziege aber das Obst und das Gemüse zu sehr, und die Frau hatte sie schon mehrmals aus dem Garten hinausführen müssen.

“Wir müssen die Ziege draußen halten, vielleicht festbinden”, sagte die Frau zu ihrem Mann, dem Teppichhändler. “Sie frißt im Garten, was sie nur erlangen kann, und was sie nicht fressen kann, das zertritt sie. So geht das nicht weiter, der Garten sieht schon recht zerschunden aus.”

“Wo denkst du hin”, antwortete der Mann. “Diese Ziege ward mir übergeben mit den Worten, ich solle sie wie ein Kleinod behandeln. Und das tu ich auch.” So sprach der Teppichhändler.

Die Frau seufzte, sagte aber nichts. Am nächsten Tag schloß sie das Tor zum Garten sorgfältig und verbot ihren Kindern, dieses Tor zu öffnen. Nun konnten die Kinder den Garten nicht mehr betreten und mußten in der Hitze und im Staub vor dem Haus spielen.

Doch am Abend zeigte sich, daß diese Ziege wieder im Garten war. Sie hatte das Tor einfach übersprungen und sich dann an allen Pflanzen gütlich getan. Jedes Gemüse hatte sie angebissen und an jedem Baum genagt. Sie hatte Pflanzen aus der Erde gerupft und sie zum Verdorren liegengelassen. Und sie hatte den Brunnen verunreinigt.

Der Teppichhändler kehrte am Abend von seiner Arbeit zurück und sah seine staubbedeckten Kinder. Er wußte, warum sie nicht in den Garten zum Spielen gehen durften, doch er sah darüber hinweg.

Erst als er sich an den Tisch setzte und kein frisches Wasser im Krug war, fragte er seine Frau: “Was ist geschehen?” Seine kluge Frau aber sagte nichts, nahm ihn bei der Hand und führte ihn hinaus zum Garten. Dort war die Ziege noch immer dabei, Rinde von den Bäumen abzuziehen und den Brunnen zu verunreinigen.

`So also dankt sie mir mein großzügiges Wesen´, dachte er im Stillen. Dann nahm er die Ziege und ging mit ihr zu seiner Mutter und gab sie zurück, mit den Worten, “ein Geschenk, das mir den Garten zerstört, ist kein Geschenk.”

Und ging nach Haus, um seinen Garten wieder  herzurichten. Und sprach kein einziges Wort dabei.

“Sag mir doch, was ich bin!”

forderte ich von der Eule. “Du bist das klügste Tier im ganzen Märchenwald, du weißt es also.”

Die Eule blieb ganz hinten in ihrer Baumhöhle sitzen. Sie klapperte mit den Augendeckeln; ich konnte sehen, wie ihre leuchtenden Augen aufflackerten und wieder verschwanden.

“Es ist zu hell für mich, was störst du mich am hellen Tag! Dabei weiß doch ein jeder, daß ich am Tage meinen Schlaf benötige!” antwortete sie nicht besonders freundlich.

Ich wunderte mich. “Es ist schon Dämmerung, und gleich wird es dunkel. Was soll das also, Eule? Willst du es mir nicht sagen?”

Was hatte ich getan, daß sie mich nicht anhören wollte? Daß sie mir nicht antworten wollte?

“Sag mir, was ich essen kann”, forderte ich rundheraus. “Ich muß essen, so wie alle Tiere hier.”

“Ja doch,” schnaufte die Eule verächtlich, “alles kannst du essen, was du fangen kannst.” Ich verstand das nicht. “Wie meinst du das, Eule? Sprich nicht in Rätseln zu mir, sondern sag mir, was ich wissen muß!” forderte ich.

Ihre Augen öffneten sich wieder, dabei verzog sie sich noch weiter nach hinten in ihre Höhle. “Du bist ein Beutegreifer, mein lieber junger Freund! Und du kannst jede Beute essen, die du gegriffen hast. Man nennt Deinesgleichen die Falken. Nicht die größten unter den Greifen, doch aber sehr geschickt in der Jagd. Und nun hebe dich hinweg, damit ich mein Tagwerk vollbringen kann, denn du wirkst störend auf mich!”

Die Eule fauchte mich an. Schon immer bin ich erschrocken, wenn die Eule fauchte. Doch diesmal fauchte ich zurück. Es war ein wilder Schrei. Die Eule klappte ihre Augen zu und rührte sich nicht mehr in ihrem Höhlenversteck.

Ich blieb noch eine ganze Weile nachdenklich davor sitzen. Und sagte gleichfalls nichts.

Wenn ich kein Stinktier bin – was bin ich dann?

Ich sitze allein auf meinem Ast. Ich mag es, auch mal allein zu sein. Immer nur der Trubel in der Seeschwalben-Kolonie, das ermüdet.

Fliegen kann ich noch immer nicht, aber ich verändere mich. “Er wird ne Elster”, schrien mir die Möwen hinterher. Aber sie trauen sich trotzdem nicht an mich heran. Ich habe einen dieser Schreihälse erwischt, als sie auf einen kleinen Vogel losgingen. Sie waren so mit Kämpfen und Gewinnen beschäftigt, daß sie mich gar nicht bemerkten. Ich habe den Größten unter ihnen gepackt. Ich erwischte ihn am Kopf. 

Als ich ihn nach einer Weile wieder losließ, nur das Gefieder am Kopf ein wenig ramponiert, verschwand er wie ein Blitz – und ohne das übliche Geschrei. Seine Kumpane hatten schon lange das weite gesucht. “Schöne Freunde”, spottete ich noch hinter ihm her.

Schmelz wünscht sich, daß ich eine Seeschwalbe werden möge. Aber ich weiß nicht, eigentlich bin ich zu groß dafür. Statt meines Mäulchens mit den vielen Zähnen bekomme ich einen gebogenen Schnabel. Und statt meiner Tatzen wachsen mir Klauen. Andauernd kratze ich mich selbst, ganz aus Versehen. Es ist ein Jammer.

Fliegen kann ich noch nicht. Aber schon ganz ordentlich hüpfen, sagt Schmelz. Ich fühle mich nicht wohl in meiner Haut. Vielleicht wäre es doch besser gewesen, bei Mama zu bleiben, denke ich. Aber ich sage nichts.

Die dumme Ziege

Es traf im Gebirge eines Tages eine wilde Ziege auf eine kleine Herde von zahmen Ziegen, die sich im Unwetter verlaufen hatten. Auch ihren Hirten hatten sie irgendwo verloren.

Die wilde Ziege begrüßte sie freundlich auf ihrer Wiese. Die Ziegenherde schlug sich flugs den Bauch voll an den guten Gebirgskräutern, und nun hatten alle Durst. 

Die wilde Ziege führte sie zu einem Gebirgsbach, der klares Wasser bot.

Abends zeigte die wilde Ziege der Herde einen gut geschützten Platz zum Lagern. Als sie darauf gehen wollte, fragte der Bock, der für seine Herde sprach: “Warum lagerst du nicht mit uns, liebe Schwester? Du hast uns einige gute Dienste geleistet, so daß wir auch Dir gern einen Dienst leisten wollen. Lagere mit uns, du wirst sehen, wie angenehm das ist. Denn wir schenken uns gegenseitig Wärme und lassen es uns gut gehen.”

Antwortete da die wilde Ziege: “Nein, liebe Freunde, das werde ich nicht tun. Ich habe kein Interesse, mir Eure Parasiten und Quälgeister aufzuhalsen. Ich tu, was ich immer tu, und lagere allein.”

“Nein,” schrien da die zahmen Ziegen, “welch hochmütiger Geist doch in ihr steckt!” 

Und sie schalten sie eine ganz dumme Ziege.

Ich bin kein Stinktier!

Mir geht es prima! Ich habe einen Freund gefunden! und das kam so…

Wie schon so oft habe ich mich zum Strand hinausgeschlichen, und dort beobachtete ich die Möwen. Ach, wie ich sie beneidet und bewundert habe! Diese eleganten Flieger, stark und doch grazil…

Ganz in meiner Nähe war noch ein Vogel, aber er war viel mickriger als die Möwen. Die flogen auch immer wieder zu ihm hin und verspotteten ihn. Sie schrien, er wäre ein Wicht, ein jämmerlicher.

Eigentlich fand ich ja zuerst, daß sie Recht hätten. Im Vergleich zu den Möwen war der Vogel wirklich unscheinbar. Er war viel kleiner und hatte einen schwarzen Schnabel, der nur an der Stelle direkt am Kopf des Vogels rötlich gefärbt war.

Aber als die Möwen anfingen, auf den kleinen Vogel einzuhacken, fand ich das nicht mehr gut. Ich sprang hin und warf mich dazwischen.

“Eh, du Spinner, zisch ab, sonst kriegst du es mit uns allen zu tun!” schrie eine der Möwen mich an. Ich plusterte mich auf und knurrte wütend. Da bemerkte eine andere Möwe, was ich bin. “Iiiiih – ein Stinktier! Rette sich, wer kann!” schrie sie, und die ganze Truppe hob hastig, dafür um so mehr kreischend, ab. “Verzieh dich, du Stinker!” schrien sie mir noch zu und lachten laut.

“Das hätte schiefgehen können,” meinte der kleine Vogel. “Ich bin übrigens ein Verwandter dieses wilden Haufens, und sie wollten meine Krabbe haben,” sagte er, “ich bin eine Seeschwalbe. Magst du ein Stück Krabbe kosten? Sie sind sehr lecker, glaub mir. Die Möwen wissen das nur zu gut.”

“Ich bin nur ein Stinktier,” antwortete ich. “Dabei wäre ich lieber eine Möwe, aber ich weiß nicht, wie man das macht.” Ich guckte die Seeschwalbe an und erschrak plötzlich. “Ich wäre natürlich nicht so gemein wie die da, ich würde dir deine Krabbe nicht wegnehmen.”

“Komm, hier – und koste ruhig, schmeckt wirklich super,” meinte die Seeschwalbe. “Und ich bin dir einfach nur dankbar, daß du mir geholfen hast, ist doch völlig egal, was du bist! Du mußt ziemlich mutig sein, wenn du dich mit ihnen so einfach anlegen wolltest, das tut sonst niemand!”

Es ist wirklich egal, was ich bin? Ich traute meinen Ohren kaum. Und die Seeschwalbe hatte die Wahrheit gesagt. Die Krabbe schmeckte himmlisch. Nur gut, daß ich keine Krabbe war. Aber wenn es wirklich egal war, was ich bin, warum machte mir das so viel aus, daß jeder mich ein Stinktier nannte?

“Ich habe mein Essen mit dir geteilt, du bist jetzt mein Freund!” meinte die Seeschwalbe. “Komm mich besuchen, wann immer du willst – ich wohne dort oben am Hang, das ist die Seeschwalbenkolonie. Ich hab auch einen Namen, ich heiße Schmelz. Eigentlich würde ich lieber Scharfauge heißen, denn ich habe die schärfsten Augen der ganzen Kolonie, ich sehe jede Krabbe! Aber meine Mama meinte, Schmelz paßt auch sehr gut zu mir…”

Und damit machte sich mein neuer Freund auf den Heimweg. Ich trottete auch nach Hause. Bestimmt würde ich Schmelz mal besuchen gehen. Ich freute mich schon drauf.

Nur Mama schnupperte komisch an mir herum und meinte dann: “Komm rein, mein Stinktier.”

Ich bin kein Stinktier! Aber ich sage nichts.

Die Geschichtenfinderin

 

Es war einmal eine blonde, angenehm rundliche Frau, die sehr nett, gemütlich und freundlich war. Nicht wie so eine dürre Zickige, die sich immer gleich über alles aufregte…
Und die nette blonde Frau fand eine Geschichte. Die Dürre sah das und regte sich gleich auf: was willst du nur mit diesem mickrigen, kleinen Ding da! schmeiß es weg!

Aber die Frau lächelte nur und setzte die kleine Geschichte in ihre Tasche, ganz vorsichtig.
Und sie sagte: die ist noch klein, sie wird noch wachsen, ich werd mich um sie kümmern…

Und so geschah es auch. Sie fand noch viele Geschichten, kleine und große, und kümmerte sich ein wenig um sie.. Nicht zu viel, denn das hätte die Geschichten nur erdrückt. Und nicht zu wenig, denn da hätten die Geschichten darben müssen.
Und aus ihnen allen wurde etwas!

Darum heißt die blonde, angenehm kuschelige Frau “Die Geschichtenfinderin”, und die Geschichten lassen sich auch gern von ihr finden. Weil sie wissen: dort bin ich richtig….

Das Schicksal der Nachtigallen

Es lebte einst in einem fernen Land ein Nachtigallenhändler mit seiner Frau. Sie waren redliche Leute und berühmt für ihre Nachtigallen. Diese Nachtigallen sangen so süß, so wundervoll, daß Kranke gesundeten, wenn sie ihren Gesang hören konnten, und Alte sich verjüngten. So sagte man über diese Nachtigallen.

Der Händler zog alle seine Nachtigallen selbst auf. Er verwendete viel Sorgfalt und pflegte und fütterte seine Nachtigallen hingebungsvoll. Er streute ihnen die besten Körner und pflückte für sie die süßesten Gräser. Und die Nachtigallen dankten es ihm mit ihrem Gesang.

Eines Tages kam ein fremder Herr vorbei, der suchte nach der schönsten aller Nachtigallen. Und als er sie bei dem Händler erspähte, so bot er ihm einen ganzen Beutel voll mit Gold. Der Händler war freudig einverstanden, und so wurden sie handelseinig. Künftig sollte diese Nachtigall nur für ihren neuen Besitzer singen, schon am nächsten Morgen wollte er sie abholen.

Der Händler weihte den Herrn ein in die Kunst der Pflege der Nachtigall, denn es sollte ihr auch künftig an nichts fehlen. Und der neue Herr versprach, sich gut um seinen Neuerwerb zu kümmern.

“Nur aus dem Käfig lassen darfst du sie niemals,” riet er dem Manne. “Denn es wäre möglich, daß sie fortfliegt und nicht zurückkehrt in den Käfig, den du ihr gibst.” Der versprach, sich getreulich an alle diese Regeln zu halten.

Am nächsten Tage kehrte er mit einem großen Käfig aus purem Gold zum Nachtigallenhändler zurück und holte sein kostbares Tier ab. Der Käfig war so schwer, daß er auf einem Wagen fahren mußte. So fuhr der Mann mit seinem Käfig und seiner eigenen Nachtigall zu seinem eigenen Haus zurück. Als er an seinem reichen Hause ankam, saß dort eine alte Bettlerin vor der Tür. “Um der Barmherzigkeit willen, gib mir ein Stück Brot, guter Mann, ich werde dir dafür ein gutes Rätsel stellen!”

Er war sehr erfreut, denn er liebte Rätsel. Diese waren ihm fast ebenso kostbar wie seine schönsten Kostbarkeiten, denn ist nicht ein kluger Kopf so wertvoll wie ein goldener Ring mit Smaragden und Rubinen an der Hand?

Und so gab er dem alten Bettelweib ein gutes Mahl und wartete geduldig auf das Rätsel. Denn es ehrt einen Mann die Geduld, die er zu zeigen vermag. Nachdem die Alte lustig geschmaust und gespeist hatte wie schon lange nicht mehr, schaute sie ihn listig an und fragte ihn: “Wofür hat der Allmächtige den Nachtigallen die Flügel gegeben?”

Sprach es, und begab sich eilends flinken Fußes aus dem Haus des reichen Mannes mit einer Nachtigall. Denn der Reiche konnte ergrimmt sein ob der klugen Frage. Er war wohl bereit, seiner Nachtigall ein schönes Heim und gute Pflege zu geben. Aber die Freiheit zu fliegen, wohin es ihr selbst beliebe, diese nicht.

Nein, diese nicht.

Der Teppichhändler und seine kluge Frau

Es war vor so langer Zeit, daß nur die Berge sich daran erinnern können – und auch die Berge können Dinge  vergessen…

Der König aller Dschinns rief seine Untertanen zu sich in die verborgene, tief im Fels liegende Festung. Alle Dschinns sollten die Menschen plagen. Denn es war ihm ein Greuel, wie sich die Menschen benahmen und miteinander lebten. Sie waren fröhlich bei der Arbeit, fröhlich beim Feiern und fröhlich im Umgang miteinander. Die Alten waren freundlich und geduldig zu den Jungen, und die Jungen waren respektvoll und geduldig zu den Alten. Die Männer waren liebevoll zu ihren Kindern und ihren Frauen, und die Frauen waren wie die Morgensonne, die sanft und hell, warm und erheiternd über alles strahlt. 

Denn nur die Morgensonne ist so freundlich, am Mittag hingegen konnte die Sonne mörderisch sein, und so manches vorwitzige Tier, das sich dann nicht nach Hause und in den Schatten fand, lernte den Durst zu schmecken, der den Körper dürr macht und das Leben vergehen läßt mit jedem glühenden Atemzug.

Ein junger Teppichhändler lebte zu dieser Zeit mit seiner jungen Frau, und sein Handel war wohl nicht der Größte, aber er bot ein Auskommen. Und seine Frau war eine Zierde für das Haus, denn sie kümmerte sich nicht nur um den kleinen Garten und das Haus selbst, sondern sie war außergewöhnlich. Das kam, weil ihre Urgroßmutter mit einem der kleinen Luftgeister verwandt gewesen war. Das aber war ein Familiengeheimnis. Und doch waren es ihre zauberhafte Leichtigkeit und ihr Anmut im Umgang mit den Worten gewesen, welche ihr Mann bewundernswürdig fesselnd fand, so daß er sich in sie verliebte.

Ein Dschinn nun erkor sich das Haus des Teppichhändlers zum Ziel und wollte für Zerstörung und Verderben sorgen. Es war kein kleiner Dschinn. Dieser Dschinn wußte, wie man Unfrieden und Zweifel sät und Haß und Zerstörung erntet.

Als erstes versuchte er es als Insekt. Er schwirrte in das Haus hinein und fand den Milchkrug. Er wollte die Milch beschmutzen und den Menschen verleiden. Doch die kluge Frau hatte ein sauberes Tuch über den Milchkrug gedeckt. Da dachte sich der Dschinn, daß er die Menschen im Schlaf peinigen könnte. Doch auch das Bett war mit einem Tuch, leichter noch als Morgennebel, geschützt. Mit einem zornigen Summen stürzte sich der Dschinn wieder und wieder auf die Barriere, und konnte doch nichts erreichen. Müde und schlecht gelaunt mußte er sich zur Ruhe begeben, um Kraft für den neuen Tag zu schöpfen.

Es hatte der Teppichhändler aber eine Schwester, die hatte ihn von Kind an aufgezogen. Sie hatte ihn ernährt und gekleidet, als er noch Kind war, und sie kam ihn häufig besuchen. 

Der Dschinn erwachte am nächsten Morgen schlecht gelaunt und verwandelte sich in eine Maus. Er wollte als Maus die Vorräte angreifen, doch als er sich in die Vorratsecke geschlichen hatte, mußte er sehen, daß alles Korn und Getreide in Krügen verwahrt wurde, und diese waren mit festen Stopfen versehen. So sehr er sich auch abmühte, er konnte sie nicht öffnen. Er wollte sie umwerfen, doch dazu reichten die Kräfte nicht. Und so mußte er sich am Abend wieder unverrichteter Dinge zur Ruhe begeben, um neue Kräfte zu schöpfen. Doch um der Frau zu zeigen, daß sie sich ängstigen soll, legte er ihr einige Exkremente ins Haus vor die Schwelle. Doch die Frau ließ sich nicht schrecken und fegte den ganzen Dreck einfach vor die Tür.

Am nächsten Tag dachte er sich, daß er es anders anfangen müßte. Er würde die Frau dazu bringen, ihn selbst ins Haus zu bitten, und fortan würde er im Haus seine Werke vollbringen. So verwandelte er sich in eine Katze. Die Frau aber hatte scharfe Augen und sprach, als der Dschinn sich auf ihre Schwelle niederlegte: “Nein, lieber Freund, hier ist kein Platz für dich, denn du bist ein wohlgenährter Kater. Du bist kein Mäusefänger, du gehörst in einen reichen Haushalt, und ich werde dich zum Reichsten hier im Dorfe bringen. Dort wirst du es gut haben, hier aber müßtest du für dein Essen viel arbeiten, und das würde dir wohl nicht gefallen.” Und sie brachte den Dschinn zum Haus des Reichen, und es waren alle dort von diesem schönen Kater entzückt.

In dem Dschinn aber wuchs der Zorn, denn er hatte nichts erreicht. Die Frauen im Haus des Reichen aber ließen ihm keine Ruhe, so daß er den ganzen Tag mit ihnen spielen mußte, und sie lachten dazu und klatschten in ihre Hände.

Am Abend sank er gänzlich erschöpft und mutlos auf seine Seidenkissen, denn es sollte ihm im Hause des Reichen wirklich an nichts fehlen. Am nächsten Morgen noch vor dem Sonnenaufgang wollte er sich in einen Käfer verwandeln, um zurück zum Haus des Teppichhändlers zu laufen. Doch die Frauen des Reichen weckten ihn und wollten weiter mit dem Kater spielen. Sie verwöhnten ihn mit Leckerbissen und süßem Scherbet, so daß er ganz zahm wurde und seine Ziele vergaß. Er lebte tagein, tagaus mit den Freuden des Reichtums und wurde immer dicker.

Der König aller Dschinns jedoch verlangte, daß seine Wünsche erfüllt würden, und er sandte dem faul gewordenen Dschinn einen Quälgeist. Der Quälgeist würde dem faulen Kater zusetzen, damit er seine Pflichten nicht vergäße.

Der Quälgeist kam als Floh und setzte sich dem Kater in den Pelz. Er biß und kratzte den ungetreuen Dschinn, bis dieser heulend und kreischend aus dem Haus rannte. Und auch auf der Straße ließ der Floh nicht von ihm ab, so sehr sich der Kater auch im Staub wälzte und jammerte.

Um dem Quälgeist endlich zu entgehen, verwandelte er sich in eine kleine Wanze. Weil er aber so viele süße Dinge gegessen hatte im Haus der Reichen, war er eine süß duftende kleine Wanze. Und als er so lief, kam die Schwester des Teppichhändlers des Wegs. Flugs krabbelte er an ihr empor und versteckte sich an ihrem Nacken, hinter ihren vielen kleinen Zöpfen. Die Schwester wollte zu ihrem Bruder, dem Teppichhändler gehen. 

Gemeinsam saßen sie am Tisch, um das Abendessen zu nehmen. “Du riechst heute besonders gut, liebe Schwester,” sagte der Teppichhändler. Seine Frau aber schnupperte mißtrauisch, doch sie sagte nichts. “Ich möchte mir noch etwas aus dem Milchkrug nehmen,” sagte die Schwester und hob das Tuch vom Milchkrug. Der Dschinn krabbelte etwas hinter ihrem Ohr hervor und nieste in den Krug, so daß die Milch schnell verderben würde.

Dann seufzte die Schwester, daß sie müde sei. “Ja, liebe Schwester, geh nur zu unserem Bett und ruhe dich dort ein wenig aus,” sagte der Teppichhändler freundlich. Sie tat es gleich, legte sich unter das Tuch und breitete die Decken über sich aus. Da kam der Dschinn schnell hervor und legte in das Bettzeug viele, viele kleine Wanzeneier, um eine Plage über die Menschen zu bringen, die dort nachts schlafen wollten. Denn wenn die kleinen Wanzen schlüpfen, dann sind sie durstig, und sie trinken nur frisches Blut. Die Menschen aber werden sich kratzen müssen, weil die Wanzenbisse schrecklich jucken und krabbeln und die Menschen peinigen.

Die kluge Frau aber hatte nun nach dem Milchkrug gesehen und entdeckt, daß die Milch geronnen war. Schnell heizte sie den Backofen an und nahm Mehl. Und aus der gesäuerten Milch stellte sie einen besonders lockeren Brotteig her, der im Ofen backen sollte.

Als nun die Schwester ausgeruht vom Bett zurückkam, ging die kluge Frau hinzu und nahm die ganzen Bettücher, die Matratzen und alle Kissen vom Bett und ging hinter das Haus, um sie kräftig auszuklopfen. Dem Mann war das gar nicht recht, und er schalt seine Frau, “wenn meine Schwester in meinem Bett schläft, so mußt du doch nicht das ganze Bett auseinanderreißen, als ob sie einen bösen Geist mitgebracht hätte!”, und seine Schwester nickte beifällig dazu.

Das wollte sich der Dschinn nicht entgehen lassen, und er lugte hinter dem Ohr der Schwester hervor. Da erspähte ihn die Frau, deren Urgroßmutter mit einem Luftgeist verwandt gewesen war, so daß sie vielerlei Taltente besaß, über die man nicht laut reden muß. “Anpacken muß man,” sagte sie laut und griff hinter das Ohr der Schwester, packte zu, und hatte den Dschinn in der Hand.

“Nein, du böser Geist, dies hier ist dein Haus nicht, es ist mein Haus. Wer in mein Haus kommt, der zeigt Höflichkeit und Respekt und verdirbt nicht die Milch und steckt keine Wanzen in mein Bett. Mach, daß du fortkommst, böser Geist, und laß dich hier nicht wieder sehen!” So spach sie und warf den Dschinn vor die Tür, kehrte mit dem Besen noch etwas nach und klatschte in die Hände.

“Und nun kommt, ihr zwei, wir können heute noch einen fröhlichen Abend miteinander haben,” so rief sie fröhlich zu ihrem Mann und seiner Schwester. Auch das Brot im Ofen war nun gar. Und das Bett füllten sie auch wieder mit den sauberen Matratzen, Tüchern und Kissen. Der Teppichhändler freute sich über seine kluge Frau. “Wohl gesprochen, meine liebe Frau!” sagte er glücklich.

Ob sich der König aller Dschinns freuen konnte, das ist nicht überliefert.

Das mythische Tier – eine Novelle

Es sah wunderschön aus.

Es stand auf der Lichtung, und sein weißes Fell leuchtete fast schmerzhaft in den Augen. Sein Horn trug es stolz, nun – es war ein Einhorn. Es war das mythische Tier, das man braucht, um das böse Tier zu bezwingen. Auch das böse Tier war ein Mythos, aber es sollte zu Macht und Reichtum verhelfen. Ich konnte beides gut gebrauchen. Ich hatte nirgends Erfolge vorzuweisen. Meine Familie erwartete keine Erfolge mehr, und meine Kinder waren selbständig und standen auf eigenen Füßen. Und ich? Ich wollte den Erfolg nun doch endlich fest bei den Hörnern packen. Und dafür mußten wir erst einmal Freunde werden, das Einhorn und ich.

*

Ich sah sie schon von weitem kommen. Eine schöne Frau, kein Mädchen mehr. Kein Püppchen, das hätte nicht hierher gefunden. Eine schöne freie Frau, die ihren Wert kennt. Stolz und unbeirrbar, und zielstrebig, das konnte ich sehen.

Sie kam auf mich zu und machte die magischen Rituale. Schon seit langem kamen keine Menschen mehr. Dabei sollen genügend vorhanden sein, behaupten zumindest meine Kollegen. Denn ich bin nicht das einzige Einhorn auf der Welt. Es gibt uns noch.

Sie machte mich neugierig.

Ich umging ein wenig die normalen Vorschriften und trat näher. Sie roch gut, ich merkte es sofort. Nein, nein, nicht daß man etwas falsches denkt. Ich habe kein solches Interesse an Menschenfrauen. Ich bin selbst ein weibliches Wesen. Daher verstehe ich ein wenig vom Weiblichen, obwohl ich zugebenermaßen kein Mensch bin.

Sie mußte ein großzügiges Herz haben und einen klaren Geist, sonst hätte sie mich nicht sehen können. Menschen sind auch an mir vorbei gegangen und haben mich nicht erkannt. Es ist nicht jedem gegeben.

**

Ich hatte keine Eile. Ich wollte mich zuerst hier mit diesem sagenhaften Einhorn anfreunden, ehe ich es mit zur Stadt nahm. Hier konnte ich es in aller Ruhe beobachten. Tiere sind gar nicht schwer zu durchschauen, und meist kann man sie mit etwas Eßbarem locken. Ich hatte verschiedene Sachen vorbereitet; Möhren geschnitten und Birnen gestückelt, ein wenig Hundekuchen für den Fall der Fälle und meine Plätzchen. Daß ich meine Plätzchen nicht selbst backe, spielt hier keine Rolle. Meine Tochter macht das, und sie macht das gut. Ich brauche mich da nicht einzumischen.

*

Wie es aussieht, will diese Frau erst einmal ein Picknick abhalten. Die Rituale schreiben eigentlich vor, daß man sich in den ersten 24 Stunden fernhält, um den Menschen nicht die Möglichkeit zu geben, einen ganz leicht mit Futter zu ködern. Aber die Rituale sind nicht wertvoller als die Erfahrungen, die man selbst schon gemacht hat. Meine Erfahrung sagt mir, daß sie etwas von mir will. Nur sehr selten kam jemand hier her, der nichts wollte. Das waren dann die wunderbarsten Erfahrungen, die man machen konnte. Aber das schenkt das Leben einem nur sehr selten.

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Ich hatte nicht erwartet, daß ein Einhorn Plätzchen bevorzugt. Sicher waren sie nicht mal etwas besonderes, bestimmt waren sie aus einem Fertigteig. Wie ich schon sagte, ich sehe nicht nach, was meine Tochter da veranstaltet. Mir genügt es vollkommen, wenn sie auch die Küche wieder reinigt. Ich möchte nicht, daß die Küche wie ein Schlachtfeld aussieht, mit Krusten im Backofen und ähnlichem. Das kann man schon erwarten, finde ich.

Dann nehme ich mir die Möhren- und Birnenstückchen. Ich ernähre mich sowieso vegetarisch. Das ist besser. Gesünder. Und ich ertrage Bratengerüche einfach nicht, sie bewirken Brechreiz bei mir. Ich weiß nicht, weshalb das so ist. Es macht auch nichts, ich komme vegetarisch sehr gut zurecht. Und gesünder ist das allemal. Das weiß man.

*

Diese Frau ist anders als die Menschen, die mich sonst hier begrüßten. Sie ist geduldiger, wie mir scheint. Nun, abwarten. Ein mythisches Tier wie ich hat schon viel gesehen in seinem langen Leben. Und so knabbere ich die kleinen Küchlein und freu mich einfach, so etwas Gutes auf der Zunge zu haben. Sie wurden gebacken mit Stolz und mit Mut. Ich spüre auch einen kleinen Hauch Bitterkeit dabei, nicht viel. Gerade genug, um ihn zu fühlen. Abgerundet sind sie mit Zuversicht; es ist mein Lieblingsgewürz. Zuversicht ist unbezahlbar. Ich denke, ich mag diese Frau.

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Eigentlich geht es mir nicht schlecht. Ich habe mein Auskommen. Ich habe mir einen Mann gesucht. Er ist liebenswürdig und nett. Er mochte meine Freunde nicht, also habe ich ihnen den Laufpaß gegeben. Das muß man verstehen, Freunde kommen und gehen. Man kann sich eine Weile auf sie verlassen, aber sie ersetzen keinen Mann mit einem eigenen Haus und einem sicheren Einkommen. Wenn es darum geht, was wichtiger ist, dann werde ich nicht mit meinem Mann streiten.

Es hat wundervolle Augen, dieses Tier. Es ist sehr zutraulich und schnuppert ein wenig an mir. Das ist schon in Ordnung. Ich fürchte mich nicht.

*

Ich frage mich, was diese Frau sich von mir wünschen wird. Gesundheit? Sie riecht sehr gesund. Mehr kann man sich wohl nicht erhoffen als Mensch. Mit den Wundern ist das so eine Sache. Es gibt sie schon, aber manchmal klappen sie nicht so richtig. Daher ist es besser, sich auf die Natur zu verlassen und mit ihr zu arbeiten statt gegen sie, Ihr versteht schon…

Sie riecht auch nicht ärmlich. Und schwach ist sie nicht. Sie hat sicher alles, was sie braucht. Ich bin gespannt, was sie meint haben zu müssen, das ich ihr geben soll.

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Ich liege gern in meinem Bett. Es gibt mir das Gefühl von Sicherheit. Ich muß noch nicht hinaus, muß nicht beweisen, was ich kann. Ich muß nichts können. Ich habe schon viel Können beweisen wollen und bin nicht gut zurechtgekommen. Ich habe viele Talente. Aber keines hat mir zu dem verholfen, was ich immer wollte. Ich wollte Freiheit, Unabhängigkeit! Ich wollte meine eigenen Entscheidungen treffen können!

Statt dessen sollte ich Prüfungen ablegen; zeigen, was ich gelernt habe. Ich habe selbst gesehen, wie diese Prüfungen auf Menschen wirkten. Sie ließen sie zittern und stammeln, noch ehe es soweit war. Und hinterher ließ sie dieselben Menschen weinen oder lachen – es war nicht normal. Ich habe diese Prüfungen gehaßt – und ich habe sie vermieden. Sobald eine Prüfung anstand, bin ich ausgestiegen. Ich blieb einfach im Bett. Ich verschonte mich selbst damit.

Ich breite mein Tuch aus für die Nacht. Dieses schöne Tier geht, aber es wird morgen wiederkommen, ich bin sicher. Ich strecke mich aus. Es geht mir gut. Vielleicht könnte ich einfach hierbleiben für alle Zeit… Das habe ich zwar schon einmal gedacht, als ich nämlich einzog in das schöne große Stadthaus. Es war wunderbar. Und die Luft war voller Liebe. Kein Zwang frühmorgens zum Aufstehen, und wenn ich die Treppe herunterging, summte die Kaffeemaschine freundlich. Und doch bin ich nun hier.

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fffeiff Fpange

Fo ift er denn?

Nifft da? Ho ein Mifft. Fann kommt er fieder? Abend erft? Ach, Kack. 

Nein, daf ift fuuu fpät. Morgen, kann iff da einen Termin kriegen?

Diefe Fpange ift schrecklich. Die muff verändert ferden. Fie hören ef ja felbft… Fprefen kann man nift, aber daf Fluchen geht noch. Mifft!

Du kleines Stinktier!

schreit Mama. Dauernd schreit sie mich so voll. “Könntest du dir nicht wenigstens ein bißchen mehr ein kluger Biber sein, oder wenigstens ein fleißiger Waschbär,” sagt sie oft. Ich wäre lieber eine Möwe. Die fliegen mutig in den Sturm hinaus. Ich dagegen, ich muß hier im Abfall wühlen. Meine Familie macht das schon immer so. Wir finden da genug zu essen, und Spielsachen und Dinge, die man verkaufen kann.

“Es ist nicht vorbestimmt, was aus dir wird,” hatte die kluge alte Eule gesagt. “Sieh mich an, ich stamme aus einer Familie, die überwiegend aus Mäusen besteht.” Sie klapperte zufrieden mit ihren Augen. Jeder wußte, daß Mäuse ihre bevorzugte Leibspeise waren. Ich konnte mir nun auch denken, warum. Es ist wahr, jeder hier im Zauberwald weiß das. Man ist nicht vorbestimmt, sondern man wird das, was man wird. Das Zebra ist das Kind der Elefantin, und die war eine stolze Mutter. Der Baumspecht stammt aus einer Familie mit Fledermäusen. Er kletterte lieber als seine Geschwister, und eines Tages besaß er auch einen Schnabel zum Klopfen. Aber er aß Insekten, ganz genau so wie seine Eltern.

Warum nur klappt es bei mir nicht? Ich hätte so gern Flügel! Und diese schöne weiße Farbe, die Möwen sind zu beneiden. Ein paar von meinen schwarzen Streifen könnte ich behalten. Aber fliegen möchte ich!

“Du dreckiger kleiner Bastard, was trödelst du wieder hier herum! Komm endlich, wir wollen anfangen! Hier, durchsuche diesen Haufen mit dem herrlichen Zeug!” Mama schiebt mich an den Dreckhaufen heran. Es riecht nicht gut. Ich will nicht, aber ich muß. Mama bestimmt einfach. Ich grabe, und dabei fühle ich,  wie meine Krallen kräftiger werden. Bei jedem Griff in den Müll merke ich das. 

Ich bin ein Stinktier. Ich weiß nicht, weshalb.

Eine leere Flasche

“Ach, das ist nur eine leere Flasche”, sagte ein Vorübergehender.

“Faß das nicht an, das ist dreckig”, sagte die Mutter zu ihrem Kind.

“Nix mehr drin”, sagte ein Schüler enttäuscht.

“Was die Leute so wegschmeißen, also”, sagte eine ältere Dame.

 

“Komm mit, meene Süße, dir kann ick jutt jebrauchen, dir un´ deine kleenen Schwestan”, sagte ein zerlotterter Mann mit vielen Taschen am Fahrrad. “Du bringst mir jutten Flaschenpfand.” Und packte die Flasche vorsichtig zu den anderen.

Die Bärin und die Füchsin

Es war einmal eine Bärin, die lebte im kanadischen Wald. Sie hatte zwei Bärenkinder. Und es war eine Füchsin, die hatte viele Kinder. Sie lebte mit ihren Kindern in einem großen Fuchsbau direkt an einem Fluß. 

Als nun die Lachse zu ziehen begannen und im Fluß gegen den Strom schwammen, sagte die Füchsin oft zu ihren Kindern: “Ach, wenn ich doch nur die wundervollen Lachse fangen könnte, die würden uns allen so wohlschmecken!”

Aber sie wußte nicht, wie man Lachse fängt, und sie fürchtete sich auch vor dem kalten Wasser des Flusses.

Die Bärin, die im Wald lebte, wußte recht gut, daß die Zeit für die Lachse wiedergekommen war. Sie machte sich mit ihren Bärenkindern auf den Weg. Ihre Kinder spielten und tollten den gesamten Weg umher, doch schließlich gelangten sie an den Fluß. Dort jedoch lagerte die Fuchssippe, und die Füchsin bellte drohend gegen die Bärin, denn das Flußufer gehörte ihr, wie sie meinte.

Die Bärin war aber nicht unfreundlich und bat die Füchsin: “Wenn du uns doch erlauben könntest, hier zu lagern und zu fischen, so sollst du einen Teil des Fanges haben!” Die Füchsin willigte ein.

So kam es, daß die Bärin in den Fluß stieg und an einer flachen Stelle mit ihren Tatzen die Fische aus dem Wasser fing. Sie warf ihren Fang ans Ufer, und die Bärenkinder und die Fuchskinder aßen gemeinschaftlich von den Lachsen und wurden rund und fröhlich und ließen es sich gut gehen. Wohl waren die Bärenkinder beim Spiel manchmal ein wenig tapsig und behäbig, und es waren die Fuchskinder manchmal etwas mutwillig und flink – doch sie vertrugen sich gut und lebten fröhlich in den Tag hinein.

“Was willst du im Winter tun?” fragte die Bärin die Füchsin. “Oh, ich will alle Tage frischen Fisch essen und mir die Sonne auf den Balg scheinen lassen. Und ich will ungestört in meinem schönen Fuchsbau schlafen”, so sagte die Füchsin lächelnd. Die Bärin aber wußte, daß der Winter kommen würde.

Eines Tages zogen weniger Lachse den Fluß hinauf. Die Bärin sah es, und die Füchslein schalten sie: “Warum fängst du weniger Fische heute, wo wir doch Hunger haben wie jeden Tag?” Und sie zankten mit der Bärin. Die Bärin sprach zu der Füchsin: “Ich danke dir sehr, daß du uns hast hier wohnen lassen, doch nun ist die Zeit gekommen, da wir wieder ziehen müssen und uns eine Winterhöhle suchen!”

Die Füchsin dachte sich, was spricht diese wieder vom Winter, wo die Sonne doch so herrlich scheint. Und sie schalt die Bärin wegen ihrer Worte.

Doch es wurden nun immer weniger Fische, die die Bärin fangen konnte, und eines Tages war es nur noch ein Fisch, ein wunderschöner und großer Lachs.

Da war die Füchsin sehr zornig und schrie laut: “Ich muß meine Kinder fortjagen, wenn ich nichts mehr zu essen für sie habe!”, und so geschah es. Die Füchsin jagte die Füchslein fort und wollte auch die Bärenkinder fortjagen. Diese aber trollten sich schon mit ihrer Mutter, der alten Bärin. 

Die Bärin zog wie jeden Winter zurück in den Wald. Die Lachse würden wiederkehren.

Im nächsten Jahr würde sie wieder fischen gehen. Vielleicht an einer anderen Stelle des Flusses.

Das Märchen vom klugen Hühnchen

Es war einmal eine arme Frau, die hatte viele Kinder. Sie arbeitete schwer von früh bis spät, um ihre Kinder und sich selbst zu ernähren, zu kleiden, zu lehren…

Es war ein entbehrungsreiches Leben, und glücklich war die arme Frau nicht. Eines Tages, als sie an ihrem Brunnen grub, denn der war versiegt, flatterte ein buntes Hühnchen in ihren Hof. Dieses Hühnchen sah der Frau eine Weile beim Arbeiten zu. Dann flatterte es an den Brunnenrand und sprach zu der Frau: “Wenn du mir glauben willst, so werde ich dir zeigen, wo du den Brunnen besser graben sollst. Denn diese Wasserader hier ist verdorrt, und du wirst viele Tage graben und doch kein Wasser finden. Wenn du aber graben willst, wo ich es dir zeige, so wirst du frisches Wasser finden für deine Kinder und dich selbst – und auch für mich.”

Die arme Frau, die schon sehr lange gegraben hatte und matt geworden war, glaubte dem Huhn. Und so grub sie an einer anderen Stelle, und es gab frisches Wasser für alle. Das war ein Freudentag, und das Huhn sprach: “Wenn du mir glauben willst, so werde ich dir noch oft helfen können. Ich bitte für mich nur um ein sicheres Plätzchen, um einige Körnchen und um die Erlaubnis, auf dem ganzen Hofe scharren zu dürfen, und niemand soll mich verjagen oder mir Leid antun.”

Die Frau und auch ihre Kinder willigten ein. So kam es, daß durch des klugen Huhnes gute Ratschläge die Wirtschaft gedieh, und die Kinder der Frau wurden fröhlich. Die Vorratskammern waren immer gefüllt, und der harte Blick der Frau wurde weich, und ihr Haar wuchs lang und wundervoll und prächtig.

Und so kam es, daß die Kunde sich herumsprach unter den Menschen, wie gut es der Frau und ihren Kindern ginge, und wie fröhlich sie miteinander lebten. Eines Tages hörte dies ein Witwer, der einen wohlbestellten Hof sein eigen nannte, Knechte und Mägde für sich arbeiten ließ und die Scheuern voll hatte und den Stall voller Vieh. Der sagte sich, “diese Frau muß ich mir ansehen gehen!”

Und so geschah es. Er reiste zu dem Hof der Frau und fand alles so wohlbestellt, wie die Leute ihm erzählt hatten. Es gefielen ihm die gutgewachsenen und wohlgeratenen Kinder, und er hatte selber keine. Und die Frau mit ihrem weichen Blick und ihrem wundervollen Haar gefiel ihm noch viel besser, und so freite er um sie.

Die Frau war beglückt. Sie ließ den Bewerber in ihren Hof und legte ihm vor, wonach ihm das Herz begehrte. Das Hühnchen aber sprach heimlich zu der Frau: “Paß auf, daß auch er in die Abmachung einwilligt, sonst bin ich meines Lebens nicht sicher.” Die Frau aber bekam dunkle Augen und scheuchte das Huhn beiseite. Denn sie dachte, “wenn ich einen guten Mann für mich und meine Kinder bekommen kann, der mehr zu bieten hat als mein eigener Hof hergibt, was soll ich weiter ein kleines zerzaustes Hühnchen schonen, wo ich doch den ganzen Hof voll der stolzesten Hähne haben kann!”

Und so kam es, daß das kluge Hühnchen um sein Leben fürchtete. Und es dachte sich, “lieber ziehe ich wieder fort als in den Topf zu kommen, in dem die Suppe köchelt.” Und so mußte es wieder auf Wanderschaft gehen.

Die Frau aber heiratete und führte eine reiche, große Wirtschaft mit vielen Knechten und Mägden, und sie lebte mit ihren Kindern und ihrem Mann in Freude und Zufriedenheit. Doch die Zeit ging ins Land, und ihre Kinder wurden groß und zogen fort. Und sie lebte weiter mit ihrem Mann in Glück und Zweisamkeit. Nur ihr Haar wurde stumpf und struppig.

Da sprach eines Tages der Mann: “Frau, was hast du für ein struppiges Haar bekommen! Ein Weib mit so struppigem Haar will ich nicht länger haben!”, und er verstieß sie.

Und so mußte sie fortziehen. Zu ihren Kindern konnte sie nicht gehen, denn die hatten nur das Nötigste zum Leben. Ihr Mann hatte ihren stolzen kleinen Hof behalten, und so wanderte sie fort, und hatte nicht  einmal ein kleines kluges Hühnchen als Freund. Denn die Freundschaft hatte sie nicht geschätzt, als ihr Glück am größen war. Und so hatte sie keinen Freund, als ihre Not am stärksten wurde.

Das horntragende Muttertier

Wie Sie es auf diesem Bilde sehen können, meine lieben Damen und Herren, dies ist das horntragende Muttertier.
Sanftmütig von natur, ist es eines jener in früher Phase schönen Tiere, die dann durch Beanspruchung und Lebenserfahrung vom grazilen Jungtier zum stämmigen ausgewachsenen Exemplar werden.
Seine Kraft zieht es aus einer erstaunlich kargen Nahrung, die es jedoch sehr gut umsetzt in Reservedepots am ganzen Körper, welche es für schwere Zeiten und außergewöhnliche Belastungen dringend benötigt.

Dieses horntragende Muttertier, meine lieben Zuschauerinnen und Zuschauer, ist ein beispiellos sanftes Tier zu seinen Gefährten und insbesondere zu seinem Nachwuchs.
Die männlichen Tiere stoßen es gelegentlich herum, offensichtlich zum reinen Zeitvertreib oder aus Übermut.
Dennoch wehrt sich das horntragende Muttertier nur in sehr geringem Maße gegen diese Zudringlichkeiten. Desgleichen ist es sanft und nachsichtig zum eigenen Nachwuchs, der ja bekanntermaßen empfindlich ist und also einen freundlichen und vorsichtigen Umgang benötigt.

Nur selten ist das horntragende Muttertier aufbrausend, wenn der Nachwuchs es mit dem Übermut gar zu sehr übertreibt.
Dagegen ist das horntragende Muttertier für Fremde sehr gefährlich. Wer sich der Herde in uneindeutiger Absicht, oder gar in unzweifelhafter Absicht, nähert, sieht sich dem zornigen horntragenden Muttertier gegenüber. Eine gewisse Brutalität ist dabei immer häufiger zu beobachten, je älter dieses Horntragende wird.
Verletzungen oder gar Todesfälle sind bei unvorsichtigen Annäherungen immer wieder vorgekommen, so daß wir heute, meine sehr verehrten Zuschauerinnen und Zuschauer, das horntragende Muttertier nur aus der Ferne und mit entsprechender technischer Unterstützung beobachten können.

Es ist immer wieder wunderbar, die Wunder der Natur zu beobachten und zu sehen, wie ein so sanftes und duldsames Tier sich in wildem Angriff gegen jeden Eindringling stürzt.

Dies war für heute jedenfalls
Ihr Professor Ziemlick mit der Sendung
“Wunder der Natur” im siebenten Programm.
Seien Sie wieder dabei, wenn es nächste Woche heißt “Wunder der Natur”! Und nun sehen Sie noch einige Impressionen von Angriffen des horntragenden Muttertiers gegen einige unserer technischen Hilfsmittel.

Es verabschiedet sich für heute von Ihnen Ihr Professor Ziemlick…

Der Patient

Ich erkannte ihn sofort wieder.
Es war ein kleiner Mann, wie es so viele hier in Asien gibt. Schmächtig, aber unheimlich zäh. Gesund waren die alle nicht so ganz, schwere Arbeit ist selten gesund für den Organismus. Aber so überlebten sie hier, und bei dieser Überbevölkerung in der Region…
Er kam und zog seine Beinkleider aus.

“Doktor, sehen Sie doch, er schrumpft! Es ist ein Fluch, Sie müssen den Fluch von mir nehmen. Welche Medizin geben Sie mir?” schmetterte er mir entgegen. Dann blickte er mich ängstlich an. Sein Penis war, wie bei vielen dieser kleingewachsenen Männer, normalgroß. Er wirkte durch den Kontrast zur Körpergröße überdimensioniert. 

Es erinnerte mich an diese japanischen Holzschnitte, auf denen frivole Samurai riesige Penisse hatten und die Dorfschönen damit ängstigten.

 ”Sie haben keinerlei Anzeichen von Krankheit, guter Mann. Bitte ziehen Sie sich wieder an, bedecken Sie sich – die Krankenschwester kann jeden Moment hereinkommen.”
Er blickte mich gequält an und murmelte halblaut: “Koro, es ist ein Fluch, es ist Koro.”
Ohne ein weiteres Wort zu verlieren zog er seine weiten Hosen hoch und band sie auf diese Art fest, wie man hier seine Hosen trug. Er sah mich nicht mehr an und ging aus dem Behandlungszimmer. Er ging direkt durch die Tür, durch den Flur, und war draußen. Ohne zu bezahlen, wie es für eine Untersuchung üblich gewesen wäre. Nur verstand ich da noch nicht, daß dies ein wirklich schlechtes Zeichen war.

Ich erkannte ihn sofort wieder. Sie hatten ihn aus dem Fluß gezogen. Ob er ertrunken war oder verblutet, mußte erst noch festgestellt werden, falls es überhaupt von Interesse war.

Wo sein Glied sich hätte befinden sollen, waren nur Wundränder zu sehen, noch relativ frisch. Koro, die Angst vor dem Verschwinden des männlichsten aller Teile im eigenen Körper. Schrumpfpenis.

Kleine Fingerübung für ein Nachwuchsgenie

Einzelporträt junge Spinnen

Nein, ich habe sie nicht wiedergefunden. Dies hier ist nur ein kleines Einzelporträt, das die Krabbelzwerge vor ihrem Abzug in trockenere Regionen zeigt.

Wieso Nachwuchsgenie? Ich als Technik-Dussel habe einfach ausprobiert, wie man ein Bild einfügt. Bin sehr stolz auf mich, ich habs geschafft.

Immerhin. Man lernt halt dazu, ob mit oder ohne Begabung. Wenn man nur will…

Krabbler….

…und wieder gibt es eine neue Generation, eben aus den Eiern geschlüpft.

Man sollte nicht denken, daß so junge Spinnen dusselig wären. Die wissen, was sie nötig haben. Schutz vor dem Regen. Also sind sie Richtung Dach abgewandert, und dann suchten sie sich eine gänzlich neue Bleibe, die ich noch nicht entdeckt habe…